Bank neu denken #1: Banken und MySpace – erhobenen Hauptes in die Bedeutungslosigkeit

Kennen Sie noch MySpace? Noch vor wenigen Jahren war es das soziale Netzwerk schlechthin. Dann kam Facebook. Beide Netzwerke verfolgten im Prinzip dasselbe Ziel: Nutzer konnten sich mit anderen austauschen und eine digitale Identität erschaffen. Wir alle wissen, wie dieses Rennen ausgegangen ist: Obwohl MySpace wegen der größeren Nutzerbasis, der stärkeren Marke und der höheren Bekanntheit eigentlich die besseren Voraussetzungen mitbrachte, ist Facebook heute Weltmarktführer mit unfassbaren 1,65 Milliarden monatlich aktiven Mitgliedern. MySpace hingegen verschwand in der Bedeutungslosigkeit.

Der Grund: Facebook hat die sich verändernden Bedürfnisse der Nutzer verstanden. Das Netzwerk legte den Fokus noch konsequenter auf die soziale Interaktion und eine einfache, intuitive Nutzerführung. Und es setzte mit Features wie dem Like-Button neue Maßstäbe.

Warum ich meinen ersten Text auf finletter ausgerechnet damit beginne? Weil einigen Banken ein ähnliches Schicksal drohen könnte wie MySpace und darum soll es in meiner Kolumne „Bank neu denken“ gehen.

Banken können viel von Fintechs lernen

Deutlich wurde mir das vor Kurzem auf einer Veranstaltung, auf der sich Branchenvertreter über die Zukunft der Finanzwirtschaft austauschten. Der Tenor lautete: „Diese ganzen Fintechs sind kein Grund zur Sorge.“ Die New Economy Anfang des Jahrtausends hätten die Banken schließlich auch überlebt und auch schon einige andere Krisen gemeistert. Fintechs müssten erst einmal beweisen, dass sie dazu in der Lage sind.

Ich war schockiert. Denn Fakt ist – und das sage ich als Vorstandsmitglied einer Bank –, dass die etablierten Institute viel von den neuen Wettbewerbern lernen können. Zum Beispiel, was die Schnittstelle zum Kunden angeht. Einige Fintechs haben hier wirklich smarte Angebote entwickelt. Der wesentliche Unterschied ist, dass sie ihre Use Cases konsequent vom Kunden her aufziehen. Das Ergebnis sind niedrigschwellige und intuitive Zugänge. Damit schaffen sie ein positives Nutzererlebnis, das die Kunden bislang allenfalls aus anderen Branchen kannten. Ein weiterer Vorteil der jungen Unternehmen ist, dass sie sehr agil aufgestellt sind. Dadurch sind sie in der Lage, schneller als andere auf sich verändernde Kundenbedürfnisse zu reagieren.

Nur wenige Fintechs arbeiten profitabel

Das alles ist keine Raketenwissenschaft. Und ich mag auch nicht so recht ins Loblied über Fintechs einstimmen, die dafür sorgen, dass jetzt alles besser wird. Denn zum einen fokussieren sich viele der neuen Wettbewerber nur auf bestimmte Bereiche und sind auf eine Bank als Partner angewiesen. Zum anderen sind viele noch den Beweis schuldig, dass sie profitabel arbeiten können. Einige Start-ups werden die nächsten Jahre daher sicherlich nicht überleben.

Martina Palte, Kolumnistin auf finletter
Martina Palte, COO bei der comdirect, schreibt auf finletter die Kolumne „Bank neu denken“.

Aber darum geht es auch gar nicht. Es geht um die Innovationen, die sie hervorgebracht haben. Und diese werden bleiben. Denn das Erstarken der Fintechs zeigt, dass sie mit ihren Angeboten einen Nerv bei den Kunden getroffen haben. Das dürfen Banken nicht einfach ignorieren. Ob sie nun mit Fintechs kooperieren, selber neue Angebote entwickeln, oder – wie wir bei comdirect – beides gleichzeitig tun, ist eigentlich egal. Hier kann abermals Facebook als Vorbild dienen. Das Netzwerk hat die Angriffe der neuen Wettbewerber überlebt, weil es die Innovationen, die diese hervorgebracht haben, aufgenommen hat.

Insofern gebe ich den Teilnehmern auf der eingangs erwähnten Veranstaltung recht: Fintechs sind für die etablierten Banken kein Grund zur Sorge – zumindest für diejenigen, die offen sind für neue Impulse und sich flexibel darauf einstellen. Alle anderen sollten sich sehr wohl Sorgen machen. Denn ihnen könnte schon bald ein ähnliches Schicksal drohen wie MySpace.

Martina Palte

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