Intro: Was ist Insuretech – und was nicht?

Insuretech ist in. Insuretechs sind sexy, aufregend und in der früher unendlich langweiligen Versicherungswelt ein Eyecatcher. Jeder Manager kennt sie, jeder ist Experte, jeder war angeblich schon mal auf einem Hackaton oder einem „Disruptive Breakfast“. Ein wenig wie der neue Roof-Club in der City, in dem man einfach gewesen sein muss.

Die Insuretech-Macher können ihr Glück kaum fassen: Es hagelt Einladungen oder Besucher, jeder will sie interviewen, ihre USP kennenlernen und Vorträge oder Podiumsdiskussionen mit ihnen veranstalten. Die Rückversicherer werden genauso neugierig wie die VCs. Selbst die Chinesen klopfen an. Die zweiten Finanzierungsrunden bewegen sich plötzlich in Richtung zweistelliger Millionenbereich und es scheint nur noch die Frage zu sein, wann man verkauft.

Aber was passiert da gerade wirklich ? Und ist tatsächliches alles Insuretech, was sich auch Insuretech nennt?

Die Kundenservice-Revolution

Man kann die Entwicklung der letzten Jahre sehr kurz zusammenfassen: Der Druck der Digitalisierung ist für große Versicherer seit der Lehman-Insolvenz schier übermächtig geworden. Die Kapitalerträge brechen weg, Zinsreserven im Lebensversicherungsbereich belasten zusätzlich und der Kostendruck wiegt schwer. Prozesse sind träge und zäh und kaum veränderbar. Da tauchen plötzlich erst die Amazons und Googles, dann die Airbnbs und Ubers auf. Alles geht einfach und online – mit einem Wort: digital. Die Kundenservice-Revolution! Und diese schwappt nun seit etwa vier, fünf Jahren auch in den Versicherungsbereich hinüber.

finletter-Autor Moritz Finkelnburg schreibt über Insuretech
finletter-Autor Moritz Finkelnburg schreibt über die Insuretech-Branche

Waren die ersten Insuretech-Pioniere eher Technik-Freaks, die einzelne kreative Anwendungen entwickelten und mit ihren Verwaltungssystemen und Apps im Frontend auftauchten, hat sich das Bild nun gewandelt. Wir verzeichnen in Deutschland je nach Definition etwa 50 bis 60 Insuretechs, die inzwischen weit mehr tun, als nur Technik-Applikationen zu verkaufen. Inzwischen ist die Mehrzahl als Makler registriert und bietet je nach Struktur Produkte zahlloser Versicherer an.

Ja: Sie sind ein wenig innovativ, bieten ihren Kunden eine App mit digitalem Versicherungsordner an, weisen brav auf ihre Courtagen hin und zeigen durchaus serviceorientiert und transparent Verbesserungspotentiale beim Versicherungsschutz auf. Aber das Geschäftsmodell ist trotz kleinerer Unterschiede letzlich immer das gleiche: Ob das Insuretech nun eine Plattform mit Whitelabel-Produkten für Händler anbietet, ein Konzept von Ausschnittsdeckungen – etwas aufregender auch „Situativ-Versicherung“ genannt – oder Anlageprodukte mit in seinem Ordner sortiert, im Grunde macht es keinen Unterschied.

Insuretech tut (noch) nicht weh

Die Old Economy lehnt sich dabei zurück. Die Insuretechs tun ihr nicht weh, stellen für sie sogar einen zusätzlichen Vertriebsweg dar und man kann wunderbar beobachten, wer nach der zu erwartenden Kannibalisierung noch übrig bleibt, um ihn dann mit seiner Technik aufzukaufen.

Aber: Ist das Disruption? Ist das die Entwicklung, die so schwungvoll und kreativ begann und alle begeisterte? Und die jetzt als Makler ausklingt? Schon tauchen die ersten Insuretechs auf, die alles sind, nur keine Insuretechs: große Makler und Makler-Pools, die die Entwicklung nachvollziehbarerweise nutzen, um kleine digitale Ableger zu gründen, und beginnen, den Markt sehr professionell zu dominieren. BlauDirekt (Feelix, simplr, MyLucy) oder Jung, DMS & Cie (allesmeins.de) sind nur zwei Beispiele dafür.

Screenshot Haftpflicht Helden
Erste „richtige“ Digitalversicherer gibt es schon, zum Beispiel Haftpflicht Helden (Screenshot von der Website)

Was muss passieren? Die nächste logische Entwicklung kann eigentlich nur in der Entwicklung eigener Insuretech-Versicherer liegen. Erste gibt es schon (HaftpflichtHelden), andere scheinen zu folgen. Aber dies kann nur ein Zwischenschritt sein. Erst wenn – trotz der regulatorischen und eigenkapitalgetriebenen Schwierigkeiten – die ersten Insuretechs mit eigener Zulassung den Markt durcheinanderwirbeln, geht der kreative und unbedingt erforderliche Prozess weiter.

Wie sehen die Versicherungen der Zukunft aus? Wie ein Bedingungswerk? Gibt es Mitbestimmung der Kunden? Wie weit ist „Digital Insurance“ tatsächlich automatisierbar? Wo ziehen wir Grenzen beim Datenschutz? Wo nicht? Ohne diesen nächsten Schritt werden wir es nie erfahren. Nur das sind die Insuretechs der Zukunft – evolutionär, kreativ, grenzenlos!

Moritz Finkelnburg

2 Kommentare

  1. Diese Einschätzung kommt meiner Meinung nach der derzeitigen Realität sehr nahe. Ich sehe die Entwicklung von Insuretechs nicht so euphorisch wie die „Neuen Gründer“, denn auch sie werden in absehbarer Zeit von der Realität eingeholt werden und feststellen, dass deutsche Versicherungskunden, in der breiten Masse, nun einmal anders ticken als amerikanische. Die bereitwilligen Risikokapitalgeber der Gründerszene werden irgendwann reale Erfolge, sprich Gewinne, sehen wollen. Versicherungsgesellschaften versuchen wohl derzeit auch mit Hilfe von Insuretechs aus dem Tal der Tränen zu gelangen. Was wird in 5 bis 10 Jahren übrig sein? Ich vermute einmal, dass Versicherer und Maklerpools sich den Kuchen teilen werden und der überwiegende Teil der Insuretechs die Vermittlerrolle nicht überleben werden. In dieser Branche wird, entgegen der landläufigen Annahme, von den Agierenden bedeutend mehr verlangt, als Versicherungsprodukte zu vergleichen und über das Internet zu verticken.
    Es kann sein, dass es ähnlich wie mit den Direktversicherungen ablaufen wird. Wie sieht denn da die Realität aus? Nehmen wir einmal die Kfz-Versicherungen. Wer schließt denn den überwiegenden Teil ab? Ich behaupte, dies sind die Makler, welche mittels Maklervollmacht für den Kunden die Anträge online stellen… Immer mehr sogenannte Direktversicherungen gehen den Umweg über Maklerpools oder Insuretechs wie Check24, um ihre Produkte stärker an den Markt abzugeben. Diese Pools und Insuretechs wiederum gründen dann „Untervermittler“, wie ProCheck24 und lassen die Makler die Arbeit tun. Nach außen hin sieht es aber so aus, als ob der deutsche Verbraucher lieber selbst und direkt abschließt. Augenwischerei!

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