Die Blockchain in der Versicherungswirtschaft: Gekommen, um zu bleiben?

Den Grundstein für das außerordentliche Interesse an der Blockchain-Technologie legte die Kryptowährung Bitcoin und beflügelte damit einen Hype und Diskussionen rund um diese Technologie in allen Branchen. Für viele Experten verhalten sich die Kryptowährungen zur Blockchain wie die E-Mail zum Internet. Es sind nur die ersten möglichen Anwendungen von einer Vielzahl weiterer. Sollte sich diese Analogie bewahrheiten, dann verspricht die Blockchain-Technologie umfassende Marktveränderung in den nächsten Jahren.

Laut einer Bitkom-Umfrage Ende 2018 planen 27 Prozent der 300 befragten Start-ups, die Technologie zu verwenden. In der etablierten Wirtschaft zeigt sich indes ein ganz anderes Bild: In keinem der befragten Unternehmen ab 20 Mitarbeitern wird sie derzeit genutzt, und nur sechs Prozent planen den Einsatz. Wie sieht es mit konkreten Ansätzen in der Versicherungswirtschaft aus?

Versicherungswirtschaft erforscht Blockchain-Möglichkeiten

Das Bild der oben genannten Bitkom-Umfrage spiegelt sich nicht ganz so zurückhaltend in der Versicherungswirtschaft wider. Hier wird bereits intensiver am Einsatz der Blockchain bzw. sogenannter Distributed-Ledger-Technologien gearbeitet. 2016 haben die Unternehmen Allianz, Aegon, Munich Re, Swiss Re und Zurich beispielsweise die Blockchain Insurance Industry Initiative (B3i) gegründet. B3i umfasst mittlerweile 16 (Rück-)Versicherer, welche die Einsatzmöglichkeiten der Blockchain untersuchen und erste Prototypen entwickeln. Zudem schreiben sich viele Start-ups die Blockchain auf die Fahne.

Smart Contracts bieten vielversprechende Ansätze

Den wohl interessantesten Anknüpfungspunkt in der Blockchain-Technologie bieten die sogenannten Smart Contracts. Smart Contracts sind in Softwareprogrammen festgehaltene Vertragsbedingungen, die in einer dezentral organisierten Datenbank – in diesem Fall der Blockchain – gespeichert und durchgesetzt werden. Sobald bestimmte Vertragsbedingungen erfüllt sind, werden vorher festgelegte Aktionen automatisch ausgelöst und abgewickelt. Smart Contracts funktionieren dabei rein auf Basis des Wenn-dann-Prinzips.

Der als Paradebeispiel oftmals angeführte und wohl bekannteste Anwendungsfall für Smart Contracts ist das Produkt Fizzy der Axa Versicherung. Flugreisende können sich hier gegen Flugverspätungen versichern. Das Produkt funktioniert vom Vertragsabschluss bis zum Schadenfall und der entsprechenden Auszahlung vollautomatisiert über die Blockchain.

Bisherige Blockchain-Anwendungen mit bewährten Technologien abbildbar

Aber ist der Einsatz der Blockchain an dieser Stelle auch sinnvoll? Das genannte Produkt lässt sich sehr viel günstiger und einfacher mit bewährten Technologien umsetzen. Zudem sind zwei wichtige Blockchain-spezifische Kriterien nicht gegeben. Zum einen sind in einer Blockchain grundsätzlich viele Vertragspartner dezentral beteiligt. Diese kennen sich nicht und vertrauen sich aus diesem Grund auch nicht. Und das müssen sie auch nicht, aufgrund des zweiten wichtigen Kriteriums: Transparenz. Jeder Partner kann innerhalb der Blockchain alle Einträge abrufen und einsehen, da alles für jeden ersichtlich dokumentiert ist. Das soll gegenseitiges Vertrauen schaffen. Beide Aspekte – dezentrale Organisation und Transparenz – sind im Falle der Flugverspätung nicht vorhanden, da weiterhin nach klassischem Modell ein Vertragspartner den Versicherungsnehmern gegenübersteht und die Abwicklung ohne vollständig einsehbare Dokumentation erfolgt.

Versicherer genießen in Deutschland ein hohes Maß an Vertrauen, und daher muss nicht zwangsläufig nach einer Lösung zur neutralen, dezentralen Datenhaltung gesucht werden. Wie bei der Flugverspätungsversicherung verhält es sich mit den meisten Blockchain-Prototypen, die aktuell verwendet werden. Es gibt meist bewährte Methoden, die effizienter eingesetzt werden könnten. Zu diesem Ergebnis kamen wir auch bei enowa, nachdem wir am Markt befindliche Ansätze untersucht und selbst einen Prototypen zur Schadensregulierung auf Grundlage der Blockchain in der Restschuldversicherung umgesetzt hatten.

Insurtech-Quartett Mai 2019: Hans-Peter Holl zu Blockchain in der Versicherungswirtschaft

Warum aktuell also überhaupt in die Blockchain gehen? Hand aufs Herz: Die meisten Unternehmen nutzen lediglich gern die mediale Aufmerksamkeit, die sie durch den Blockchain-Einsatz erhalten. Ein wirklicher Mehrwert im Sinne einer erhöhten Effizienz oder Kostenersparnis ist meist nicht erkennbar.

Fazit: Hype vom echten Nutzen trennen

Ist die Blockchain-Technologie aktuell also nur ein Marketing-Gag für die Assekuranz? Natürlich nicht. Wie bei jeder neuen Technologie muss auch bei der Blockchain die Spreu vom Weizen bzw. der Hype vom echten Mehrwert getrennt werden. Und das gelingt nur, indem man mit der Technologie experimentiert. Die Blockchain wird die Versicherungswirtschaft in den kommenden Jahren stark beeinflussen und transformieren, aber man sollte beim Austesten der Technologie die berühmte Kirche im Dorf lassen und nicht jedem Hype-Thema unsinnige Anwendungsfälle folgen lassen. In diesem Sinne: „Frohes Experimentieren!“

Hans-Peter Holl

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