Blockchain-Kolumne: Libra heißt nicht Libertas

Die Welt spricht über den Libra. Schon kurz nach Ankündigung der weltweiten Digitalwährung ist gelungen, was bisher nur durch die Krisen des Bitcoin hervorgerufen wurde: Kryptowährungen sind Thema der Tagespresse. Sie sind Mainstream. Selbst bis in die „Bild“-Zeitung hat es der Libra-Stablecoin geschafft und Facebook wird – mit mehr als zwei Milliarden Nutzern – sicher den Durchbruch für Kryptowährungen und digitales Bezahlen (außerhalb von China, denn dort ist er längst erfolgt) bringen.

Mehr als ein perfekter Plan

Das Facebook-Whitepaper liest es sich wie ein perfekter Plan. Schon die zahlreichen Partner – aus der etablierten Finanzwelt, aber auch Kryptounternehmen wie Coinbase – bilden eine mächtige Allianz. Inhaltlich gibt es keinerlei Zweifel daran, dass wir es mit dem bisher größten und durchdachtesten Angriff auf die etablierte Finanzwelt zu tun haben. Und mehr noch, es ist auch ein Angriff auf Staaten und Nationen und unsere Weltordnung.

Kolumnist Boris Janek schreibt auf finletter regelmäßig über Blockchain
Boris Janek schreibt auf finletter über Blockchain

Beim Libra handelt es sich aber auch um eine Idee, welche für zahlreiche Menschen auf der Welt fundamentale Probleme zu lösen verspricht. Er befreit das Geld von seiner Stofflichkeit, von Konten und Banken und treibt die Kosten für das Banking in Richtung null.

Er hilft gerade ärmeren Menschen und Ländern, sich unabhängig ökonomisch zu entwickeln. Eigene Existenzen aufzubauen, neue Zugänge zum Weltmarkt zu erhalten und – ähnlich wie es in China durch digitale Währungen möglich wurde – einen Boom neuer Unternehmensformen und -gründungen hervorzurufen. Weshalb auch die Vereinten Nationen das Projekt unterstützen.

Technokratische Liebe

Die Technologie- und Fintech-Community feiert den Libra. Selbst die  angestellten Innovatoren der Bankenwelt ziehen ihren Hut. Möglicherweise weil der Libra den Beweis erbringen dürfte, dass die Banken sich zu wenig bewegt und zu wenig echte Innovation hervorgebracht haben und stattdessen die wirklich radikalen Ideen in der Hierachie inkrementalisiert wurden.

Was den Fintechs bisher kaum gelang, scheint nun mehr als möglich zu werden. Big Tech schlägt endlich zu.

Aber ist diese technokratische Liebe nicht mehr als gefährlich? Kann und soll man privaten Unternehmen, getrieben von der Mentalität des Silicon Valley oder eines wenig berechenbaren Marc Zuckerberg, die Kontrolle über eine Weltwährung geben? Müssten wir nicht eher alle aufschreien, weil das, was uns als Demokratisierung der Finanzwelt verkauft wird, in Wirklichkeit der größte Angriff auf die Selbstbestimmung und Freiheit der Menschen seit dem Zweiten Weltkrieg ist?

Es gibt auf dieser Welt wahrlich viele Probleme, die gelöst werden müssen. Die Institutionen der vordigitalen Welt sind an vielen Stellen mit der Lösung dieser Probleme überfordert. Es ist gut, dass es Visionäre, Entrepreneure und Start-ups gibt, die mit exponentiellem Gedankengut vielversprechende Lösungen finden und testen.

Aber sollte die Einführung eines weltweiten, fairen und nachhaltigen Währungssystems nicht durch demokratische Prozesse statt durch technologische Revolutionen hervorgerufen werden? Würden wir nicht mal wieder den Falschen folgen, wenn wir Libra feiern?

Blockchain-Kolumne: Boris Janek zu Libra

Boris Janek

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