Versicherer und Insurtechs: Traumhochzeit oder schmerzhafte Trennung?

Der Insurtech-Hype der letzten 24 Monate scheint etwas abzuebben: Las man noch im letzten Jahr nahezu täglich von faszinierenden Neuerungen der Insurtechs, von neuen Start-ups mit atemberaubender Technik, von überraschenden Kooperationen zwischen namhaften Versicherern und internationalen Insurtech-Pionieren oder von diversen Fragen rund um Blockchain und KI, so ist es in diesem Jahr eher still geworden. Hat das Ende der digitalen Gründerzeit in der Assekuranz begonnen?

Zugegeben, der Europa-Start von Lemonade (finletter berichtete) war natürlich eine Nachricht – aber was gab es daneben? Die Branchen-Newsletter widmen sich eher den Provisionsthemen, Fragen der betrieblichen Altersversorgung oder der Krankenversicherung. Digitale Themen? Eher rar und wenn, dann technikbezogen. Spricht man mit Versicherern, hört man ein gewisses Frohlocken: „Habe ich ja gleich gesagt“ heißt es da, ähnlich wie „Blockchain wird sowieso überschätzt“ oder „Wir haben bereits umfassend digitalisiert“. Der Kommentar zeigt dennoch, dass die Old Economy die Situation noch nicht richtig erfasst hat.

Insurtech Quartett Folge mit Moritz Finkelnburg
Dieses Mal in unserer Insurtech-Kolumne: Moritz Finkelnburg über die operativen Probleme bei der Zusammenarbeit von Insurtechs und Old-Economy-Versicherern

Natürlich werden verschiedene Insurtechs schwächeln. Natürlich wird es finanzielle Probleme geben und die Akquisitionskosten werden manches der so fulminant gestarteten Insurtechs in den nächsten Jahren vom Markt fegen. Es wird auch das eine oder andere Start-up als Wettbewerber – inbesondere im Retail-Markt – auftauchen. Aber das ist doch völlig normal in einer Aufbruchstimmung mit zahlreichen Neugründungen, Initiativen und kreativen Ansätzen für eine bisher extrem konservative Branche. Und darum geht es auch meines Erachtens gar nicht.

Insurtechs sind oft schlecht vorbereitet auf Versicherer

Insurtechs werden in den nächsten Monaten insbesondere vor der Herausforderung stehen, ihre Geschäftsmodelle kompatibel für Versicherer (und andere potentielle Kunden aus dem Finanzsektor) zu gestalten. Neben kreativen Ansätzen und einer rasch sichergestellten Grundfinanzierung über das Seeding hinaus, liegt hier das Hauptproblem. Zu oft erlebe ich im Moment innovative Firmen, wo niemand deutsch spricht und die sich augenscheinlich nicht mit den aktuellen IT-Systemen ihrer Kunden sowie deren Problemen beschäftigt haben. Das klingt trivial, ist aber ein klassischer KO-Faktor. Nimmt man die großen internationalen Versicherer einmal aus, ist unsere DACH-Welt von überwiegend deutschsprachigen Entscheidern und IT-Mitarbeitern durchsetzt. Löst man diese Sprachbarriere nicht bereits in der Pitch-Phase überzeugend, besteht praktisch keine Chance auf eine Kooperation. Gleiches gilt, wenn man sich nicht zuvor intensiv mit der aktuellen IT-Welt des potentiellen Auftraggebers beschäftigt hat und die drängendsten Schnittstellen- bzw. Integrationsfragen im Pitch nicht beantworten kann. Für Insurtechs reduziert sich dadurch der potentielle deutsche Markt auf eine Handvoll von Versicherern.

Versicherer erkennen die Chancen digitaler Kooperationen oft nicht

Betrachtet man umgekehrt die relevanten mittelständischen und kleineren Versicherer, lassen sich allerdings gewisse Parallelen feststellen: Natürlich haben sich viele mit dem Thema Digitalisierung beschäftigt. Man hat den Eindruck, dass nahezu jeder Vorgang jetzt mit digital bezeichnet wird, um ihn zu veredeln und modern erscheinen zu lassen. Die Grundproblematik ist aber unverändert: Viel zu oft trifft man auf eine Unternehmenskultur, die zwar von Neugierde auf diese seltsame digitale Welt und ihre Begleiterscheinungen geprägt ist, aber zugleich auch von der Hoffnung, dass dies nicht zu viel Neues für das eigene Unternehmen bedeuten möge, gepaart mit der festen Überzeugung, digital bereits sehr weit entwickelt zu sein.

Wesentliche Grundfragen im Umgang mit Digitalisierung bleiben hierbei leider viel zu oft unbeantwortet: An welchen Stellen meiner Wertschöpfungskette finden gerade digitale Innovationen im Markt statt? Welche Insurtechs treiben diese? Wie kann ich herausfinden, welches junge Unternehmen am Besten zu uns passt? Wer scoutet für mich regelmäßig und sortiert die relevanten Start-ups? Auch: Welche Kenntnisse brauchen Management und Mitarbeiter? Man könnte diese Liste noch lange weiterführen. Die digital readiness wird zu oft durch fehlende Kenntnis der digitalen Szene, Selbstüberschätzung und dem Beharren auf alten Strukturen ausgehebelt und die Chance auf eine kluge und weitsichtige, an der Prozesskette orientierte digitale Strategie vertan.

Und nun?

Kardinalfehler der Start-ups wie fehlende sprachliche Fähigkeiten oder fehlende Kenntnis der aktuellen IT-Probleme eines Versicherers treffen auf Selbstzufriedenheit und mangelndes digitales Marktverständnis bei mittleren und kleineren Versicherern. Dies verhindert oft ein für beide Seiten erfolgreiches „plug and play“.

Es bleibt zu hoffen, dass beide Seiten aus dieser Situation lernen, ihre Hausaufgaben machen und sich annähern. Dann könnte 2020 doch noch das Jahr vieler Traumhochzeiten zwischen Versicherern und Insurtechs werden.

Moritz Finkelnburg

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