Bitcoin: Vom digitalen Gold zur globalen Reservewährung?

Ist Bitcoin die Alternative zu Gold als Wertaufbewahrungsmittel, oder sogar mehr als das?

Um Bitcoin einzuschätzen, muss man sich die drei Grundfunktionen von Geld vergegenwärtigen: Wertaufbewahrungsmittel, Tauschmittel und Rechnungseinheit. Ein inhärenter Wert kann zwar wie zum Beispiel bei Gold eine Wertuntergrenze bilden. Er erklärt aber nicht den höheren Marktpreis und ist auch keine notwendige Bedingung für Geld. Wichtiger sind vielmehr die folgenden Eigenschaften: Langlebigkeit, Mobilität, Fungibilität, Überprüfbarkeit, Teilbarkeit, Seltenheit, Zensurresistenz und Etabliertheit (s.a. https://medium.com/aprycotmedia/das-bullische-argument-für-bitcoin-9665e9375727 von Daniel Schnurr). Nun beruht das technische Konzept von Bitcoin gerade darauf, diesen Anforderungen gerecht zu werden: Es unterliegt als digitales Gut keinem physischen Zerfall. Es kann online global übertragen werden. Ein Bitcoin gleicht dem anderen, Zustand und Besitz lassen sich zweifelsfrei überprüfen. Es ist in beliebig kleine Einheiten teilbar. Es unterliegt nicht dem Einfluss eines zentralen Emittenten. Die systemimmanent begrenzte Anzahl auf 21 Millionen – wovon 89 Prozent bereits erzeugt wurden – sorgt für Seltenheit.

“Buy land; they’re not making it anymore.” – Mark Twain

Im direkten Vergleich dieser spezifischen Eigenschaften mit Gold hat Bitcoin deutliche Vorteile, insbesondere was Mobilität und Teilbarkeit betrifft. Hingegen spricht das Kriterium Etabliertheit klar für Gold. Umso erstaunlicher, dass Bitcoin bereits nach gut einer Dekade etwa ein Zehntel des Wertes von Gold nach Marktkapitalisierung beigemessen wird. Noch klarer für Bitcoin fällt der Vergleich mit den Eigenschaften von Fiat-Währungen wie Euro oder US-Dollar aus. Am wichtigsten ist hierbei der Aspekt Seltenheit. Die Finanzmarktkrise in 2007 war ein auslösendes Motiv für die Entwicklung von Bitcoin. Die nicht zuletzt im Zuge der Corona-Pandemie expansive Geldpolitik der Zentralbanken schürt bei vielen grundsätzliche Zweifel an der Geld-Wertstabilität. Pantera Capital hat deren Erwartung bereits im März letzten Jahres pointiert zusammengefasst: „Bitcoin was born in a financial crisis. It will come of age in this one.“

Ist Bitcoin nur eine Blase?

Jan Kühne von der Boerse Stuttgart in einem Gastbeitrag auf finletter 

Bemerkenswert an der Evolution von Bitcoin ist, dass er bereits vier größere Marktzyklen durchlaufen hat. Nach jedem Einbruch erreichte Bitcoin neue Höchststände und größere Adaption. Auch wenn diese Entwicklung in der Vergangenheit kein Garant für die Zukunft ist: Für eine reine Spekulationsblase wäre das völlig untypisch. Betrachtet man Bitcoin als digitales Netzwerk, liegt der Schluss nahe, dass er eine Größe erreicht hat, die ein Fortbestehen aufgrund der positiven Netzwerkeffekte wahrscheinlich macht. Zumindest ist kein digitales Netzwerk, das je die Größe von Bitcoin im Sinne von Nutzerzahl, globaler Verbreitung und Wertvolumen erreicht hat, wieder verschwunden. Insofern gleichen die Marktzyklen von Bitcoin auch nicht dem Platzen einer Blase. Sie entsprechen eher der Adaptionskurve anderer technischen Innovationen, wie sie der Gartner Hype-Zyklus beschreibt.

Taugt Bitcoin überhaupt als Zahlungsmittel?

Aber bleibt Bitcoin auf seine Funktion als Wertaufbewahrungsmittel beschränkt? Prominente Ankündigungen wie von Tesla, Bitcoin als Zahlungsmittel anzuerkennen, haben diesen Anwendungsfall wieder stärker in den Blickpunkt gerückt. Damit einher geht die Kritik an den relativ hohen Transaktionskosten und begrenzten Transaktionen. Diese verkennt aber zweierlei: Zum einen ist Bitcoin bei großen Volumina und grenzüberschreitenden Zahlungen durchaus wettbewerbsfähig. Zum anderen müssen Bitcoin-Transaktionen nicht zwangsläufig auf Protokollebene der Bitcoin-Blockchain stattfinden. Vielmehr können diese auch technisch darauf aufbauende, für Zahlungsabwicklung optimierte Blockchains nutzen. Ebenso können Bitcoin-Zahlungen durch Intermediäre abgewickelt werden, innerhalb des geschlossenen Ökosystems oder auf nur saldierter Basis. Das Interesse von Paypal lässt sich wohl durch diese Ratio erklären: Bitcoin-Zahlungen zwischen Paypal-Nutzern führen lediglich zu einer Umbuchung innerhalb der Paypal-Konten oder besser Paypal-Wallets, ohne die Bitcoin-Blockchain selbst zu erreichen.

Bei der Börse Stuttgart Digital Exchange sehen wir – wie andere Handelsplätze auch – ein großes Interesse an Kryptowährungen sowohl bei Privatleuten wie auch bei institutionellen Akteuren. Natürlich kann niemand vorhersagen, ob der „Glaube“ an Bitcoin schon gefestigt genug ist, um nach Rückschlägen wie in der Vergangenheit stärker zurückzukommen. Diesem Risiko steht aber auch eine Chance entgegen: Bitcoins Entwicklung zu einer globalen Leitwährung.


Jan Kühne leitet den Bereich B2B Sales & Partnerships der BSDEX Börse Stuttgart Digital Exchange. Als erster und einziger in Deutschland regulierter Handelsplatz (gemäß § 2 Abs. 12 KWG) ermöglicht die BSDEX Privatkunden wie institutionellen Kunden den Handel in Kryptowährungen. Zuvor war er für die Privatbank M.M.Warburg & CO tätig und dort für die digitalen Angebote wie zum Beispiel der Einführung des Robo-Advisors Warburg Navigator verantwortlich. Jan Kühne studierte Betriebswirtschaftslehre an der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg.

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