finletter 313 – Beirat junge Digitale Wirtschaft und Pressefreiheit, Solarisbank ist Einhorn, Finanzierung für Revolut

Der Beirat junge Digitale Wirtschaft und die Pressefreiheit

Der Beirat Junge Digitale Wirtschaft hat in dieser Woche mit einem bereits im April veröffentlichten Positionspapier für turbulente Tage in der Start-up-Szene gesorgt. Darin forderte das Gremium, das das Wirtschaftsministerium in Digitalfragen beraten soll, unter anderem die „Disziplinierung der Presse zu sachlicher, richtiger und vollständiger Information“ bei der Berichterstattung über Börsengänge. (Das inzwischen zurückgezogene Positionspapier kann hier in voller Länge nachgelesen werden.) Dem „Handelsblatt“ zufolge habe das Gremium um Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) den Staat dazu aufgerufen, für eine „ausgewogene Berichterstattung“ zu sorgen.

Nach der Veröffentlichung distanzierte sich der Wirtschaftsminister vom Papier des Beirats. Es folgten die beiden Vorsitzenden Christian Vollmann und Miriam Wohlfarth, sowie die Mitunterzeichnenden Lea-Sophie Cramer und Alex von Falkenberg. Der wohl als federführend identifizierte Verfasser Christoph Gerlinger ist inzwischen aus dem Beirat zurückgetreten. Er war es auch, der sich vor der Veröffentlichung beim „Handelsblatt“ gemeldet und um selbige gebeten hatte.

Die Diskussion zeigt ein Spannungsfeld zwischen der Start-up-Szene und dem Journalismus hierzulande. Zudem steht die Frage im Raum, wie Gründerinnen zu der in Artikel fünf des Grundgesetzes festgeschriebenen Pressefreiheit stehen. Einige Positionen:

  • Jannis Johannmeier von der PR-Agentur The Trailblazers akzeptiert die Begründung nicht, es habe sich bei dem Papier um eine „Arbeitsversion“ gehandelt, von der keiner im Rat außer Gerlinger gewusst habe. Er nennt das Vorgehen einen „kalkulierten Regelbruch“. Schließlich sei das Positionspapier, das „von einer Geisteshaltung zeugt, die in der Start-up-Welt nichts zu suchen hat“, zwei Monate öffentlich zugänglich gewesen. „Die Mitglieder des Beirats hätten also mehr als genug Zeit gehabt, zu bemerken, was sie da geschrieben haben“, so sein Urteil. Entschuldigungen würde da nicht reichen, er fordert den Rücktritt aller Mitglieder.
  • Lars-Thorben Niggehoff vom Magazin „Startbase“ nennt das Positionspapier in seinem Kommentar einen „verbalen Griff ins Klo“. Viele Gründerinnen müssten nun gegen den Vorwurf kämpfen, „dass es die Digitalbranche mit der Pressefreiheit nicht so genau nimmt“. Jedes Start-up habe eine faire und wahre journalistische Berichterstattung verdient, so der Autor weiter, doch die „finstere Autokratenrhetorik“ führe nur zu einem Schaden für alle Start-ups. Niggehoff erinnert: „Die letzten Unternehmer, die in Deutschland so unverfroren gegen Journalisten schossen, war die Wirecard-Vorstandsetage.“
  • Jochen Siegert von Deutsche Bank/„Payment & Banking“ findet bei „Gründerszene“ eine Erklärung für das Verhalten. Er sagt: „Kritik tut immer weh. Aber wenn du Gründer bist, spielt gleich alles noch mal eine viel größere Rolle.“ Weil es ums Geld gehe, würden die Nerven auch schneller blank liegen. Eine Begründung für einen Eingriff in die Pressefreiheit sei das aber trotzdem nicht. Journalistinnen seien „keine Hofberichterstatter“.
  • Ebenfalls bei „Gründerszene“ kritisiert Berater Philipp Klöckner die Distanzierung des Beirats. Er hält es für fahrlässig, dass derartiges Gedankengut durch Stillschweigen und Desinteresse möglich gemacht werde. Vor allem die Autorinnen könnten sich nicht mit Unwissenheit aus der Affäre ziehen. Siegert ergänzt: „Da waren einige vielleicht zu stolz, im Dunstkreis dieses Gremiums zu sein, aber haben ihren Job nicht gemacht.“
  • Start-up-Investor Frank Thelen kritisiert im Interview mit dem „Handelsblatt“ zwar das Positionspapier und nennt es „hundert Prozent daneben“. Gleichzeitig warnt er aber auch vor überwiegend negativer Berichterstattung auf der Grundlage besserer Klickzahlen und attestiert Journalistinnen mangelnde Kompetenzen und unzureichendes Verständnis in der Start-up-Berichterstattung. Die FDP-Digitalpolitikerin twittert das Interview mit den Worten: „Nach diesem Interview frage ich mich wirklich, was am Konzept Pressefreiheit so schwer verständlich ist.“
  • Niklas Wirminghaus von „Capital“ untersucht in einem Kommentar das Feindbild Journalismus und sieht in den Entschuldigungen „ein tief sitzendes Misstrauen gegenüber der Presse“. „Man kann das als Missverständnis redaktioneller Mechanismen abtun, es ist aber gut möglich, dass hier sich nur etwas herausschält, was in der Tech-Welt durchaus verbreitet ist – nämlich ein Unbehagen mit demokratischen Prinzipien“, schreibt er mit Blick auf antidemokratische Tendenzen der Tech-Elite in den USA. Sein Appell: „Kritische Presse hat ihren Sinn und ihre Berechtigung – deal with it!“

handelsblatt.com, handelsblatt.com


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– Fintech-News Deutschland –

Neue Einhörner in Deutschland: Was sich bereits angedeutet hatte, ist nun passiert. Die Solarisbank hat 160 Millionen Euro eingesammelt und ist damit zum siebten deutschen Unicorn aufgestiegen. Mit RaisinDS ist zudem ein weiteres Fintech auf dem Weg dahin. Der schwedische Investor Kinnevik bewertet das Unternehmen nach der Fusion mit einem „Fair Value“ von 1,3 Milliarden Euro. deutsche-startups.de, financefwd.com

Bei N26 denkt man groß: Einem Bericht von „Bloomberg“ zufolge arbeite man beim Berliner Fintech an einer neuen Mega-Finanzierungsrunde. Diese würde die Bewertung des Unternehmens auf zehn Milliarden US-Dollar (rund 8,46 Milliarden Euro) hochschnellen lassen – aktuell sind es rund 3,5 Milliarden US-Dollar (rund 2,96 Milliarden Euro). bloomberg.de, handelsblatt.com

Sumup hat einige Baustellen: Die erstmals veröffentlichten Geschäftszahlen des deutsch-britischen Payment-Fintechs zeigen mit 387 Millionen Euro einen Umsatz, der sogar den von Revolut übertrifft. Doch die Geschäftszahlen zeigen auch Problemfelder und werfen Fragen auf. businessinsider.de

Wertepartnerschaft: Tomorrow macht mit dem FC St. Pauli gemeinsame Sache und führt das sogenannte Kiezkonto mit exklusiven Aktionen und Angeboten und mit dem Branding des Fußballvereins ein. tomorrow.de

Testlauf: Der Rat der EZB gibt dem digitalen Euro eine zweijährige Probezeit. Erst danach wird über eine endgültige Umsetzung beraten. tagesschau.de, faz.net

 

– Fintech-News International –

UK-Spitze: Mit einer Series-E-Finanzierung in Höhe von 800 Millionen US-Dollar (rund 677 Millionen Euro) ist Revolut nun das wertvollste Fintech im Vereinigten Königreich. Mit dem Geld will das Unternehmen unter anderem nach Indien expandieren. techcrunch.com, finextra.com

Auftrieb: Eine Series-E-Finanzierung macht das US-Fintech M1 Finance zum Unicorn. Das Unternehmen mit den Geschäftsfeldern Kredit, Banking und Robo-Investment wird nun mit 1,45 Milliarden US-Dollar (rund 1,23 Milliarde Euro) bewertet. finextra.com, techcrunch.com

Soziales Shopping: Klarna übernimmt die Social-Shopping-Plattform Hero. Damit können Händler ihre Kundinnen per Videoanruf, Chat oder Whatsapp beraten. Wie viel die Übernahme kostet, ist nicht bekannt. klarna.com, it-finanzmagazin.de

Migros beteiligt sich an Fintech: Die hauseigene Bank des Schweizer Handelsunternehmens beteiligt sich in unbekannter Höhe an gowago.ch. Zudem wird sie Finanzierungspartnerin. migrosbank.ch

Berliner Luft: Der österreichische Trading-Anbieter Bitpanda soll einen Standort in der deutschen Hauptstadt aufbauen. Erste Mitarbeitende sollen gefunden sein, in zwei Monaten soll es losgehen. financefwd.com

Geldregen: Die Investitionen in britische Fintechs deuten auf ein Rekordjahr 2021 hin. fintechfutures.com

 

– Treffpunkte –

CryptX: Beim eintägigen Event gibt es Panels und Keynotes rund um die Themen Blockchain, Bitcoin oder Etherum. 18. November, 10–18 Uhr, online

Mehr Veranstaltungen zu Fintech finden Sie im Event-Kalender auf finletter.de. Hier können Sie uns Tipps für Events geben.

 

– Wochenendlektüre –

Im Visier: Umfragen zeigen, dass Influencer-Marketing im Wettstreit um junge Zielgruppen auch in der Finanzbranche stetig an Bedeutung gewinnt. Im Text nennt der Autor erfolgreiche Beispiele. paymentandbanking.com

Vertrauensfrage: Eine aktuelle Umfrage zeigt, welchen Kreditinstituten die Deutschen am meisten vertrauen. der-bank-blog.de

Finanznachhilfe: Die Autorin des Textes vertritt die These, dass die Social-Video-App Tiktok jungen Menschen helfen kann, den Umgang mit Geld zu lernen. theguardian.de

Anschluss-Verlust?: Beim boomenden Online-Handel haben die Zahlungssysteme von Banken dort kaum eine Bedeutung wie eine Studie nun verdeutlicht. it-finanzmagazin.de

Sechs Tipps, einen Kulturwandel scheitern zu lassen!: Anja Zerbin, Ex Head of Digital Culture bei der Deutschen Bank schildert sechs gravierende Fehler aus einem Projekt zur agilen Transformation die einen Kulturwandel scheitern lassen können. der-bank-blog.de [gesponsert]

 

– Meist gelesen im vergangenen finletter –

…war der Text über die eigene Bezahlplattform von Rewe.

 

– Das Beste zum Schluss –

Mehr Schein als sein: Die chinesische Zentralbank lässt programmierbares Geld als eines der ersten Länder Wirklichkeit werden und zahlt es per Lotterie an Bürgerinnen aus. Doch das System hat noch einige Probleme. paymentandbanking.com

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