Warum ich ein Netzwerk für Fintech-Frauen gründe

Als ich 2012 von London nach Berlin kam, um als Geschäftsführerin bei BillPay einzusteigen, gab es den Begriff „Fintech“ noch nicht. Damals drehte sich alles um Bezahlmethoden. Neben unseren Konkurrenten Billsafe, Ratepay und Klarna waren es Start-ups wie Paymill, Payleven, iZettel und Sumup, die die Presse beherrschten.

Frauen gab es in diesem Bereich auch nicht. Generell gibt es weniger Gründerinnen als Gründer in der Start-up-Szene, aber gerade in der Fintech-Szene gab es so gut wie keine. Mir war allein Miriam Wohlfarth bekannt, die als Pionierin in diesem Bereich bereits 2009 Ratepay gegründet hatte, ein Start-up, das wie BillPay abgesicherte Online-Bezahlmethoden anbietet. Erst 2015 ging der Fintech-Hype so richtig los: Monatlich wurden neue Fintechs gegründet und Start-ups wie Kreditech, Lendico, Zencap und Number26 machten von sich reden.

In vielen Artikeln ging es um den Gender Gap – also darum, dass viel weniger Frauen gründen als Männer, und darüber, dass Frauen schlechter bezahlt werden als Männer, auch in der Start-up-Szene. Als Informatikerin merke ich immer wieder deutlich, dass auch die berufsgruppenspezifischen Vorurteile vor allem in Deutschland stark ausgeprägt sind. Man erwartet von Frauen nicht mit derselben Selbstverständlichkeit, dass sie programmieren können, wie von Männern. In meinen Augen ist dies ein kulturelles Problem, dass nicht erst im Arbeitsleben anfängt, sondern viel tiefer verwurzelt ist. Schließlich geht es schon in der bei der Ausbildung los, in der Schule, in der Universität, dass die Geschlechterverteilung in den Naturwissenschaften nicht gleich ist, ganz anders als zum Beispiel in Indien, wo etwa gleich viele Männer wie Frauen Informatik studieren.

Was kann man dagegen tun? Lamentieren? Öffentlich demonstrieren?

Ich glaube an Selbstbestimmtheit und daran, dass alles möglich ist, was man sich in den Kopf gesetzt hat. Man muss nur aktiv werden. Deswegen glaube ich, dass wir Frauen in führenden Positionen, wir Gründerinnen und Geschäftsführerinnen, vor allem eins tun können: Mit gutem Beispiel vorangehen, ein Vorbild sein, inspirieren. Uns gegenseitig helfen. Zeigen, was wir geschaffen haben. Erzählen, was die Visionen sind, an die wir glauben, und zeigen, dass wir die Welt so gestalten können, wie wir es wollen.

Christine Kiefer hat die Fintech Ladies gestartet

Nach dem Verkauf von BillPay an den englischen Kreditvergeber Wonga und nach einem Jahr Weltreise bin ich 2016 als Geschäftsführerin von Pair Finance zu Fintech zurückgekehrt und meine Wahrnehmung der Szene ist eine ganz andere: Neue Modelle wie Robo Advisor sind am Markt, insgesamt hat der Professionalisierungsgrad erheblich zugenommen und vor allem die Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit, gerade von Seiten der Großbanken, ist gestiegen.

Und: Es gibt mehr Frauen. Obwohl Frauen sich tendenziell leichter für greifbarere Geschäftsmodelle zum Beispiel im E-Commerce begeistern, so wagen sich doch immer mehr auch in die Fintech-Szene vor.

Aus dieser Motivation heraus habe ich die Fintech Ladies gegründet, ein Netzwerk für Frauen in der Fintech-Szene. Ich möchte eine Plattform schaffen, wo sich Gründerinnen und Geschäftsführerinnen, Beraterinnen, alle engagierten und interessierten Frauen, die in einem Fintech arbeiten oder auf anderem Wege mit Fintechs in Berührung sind, vernetzen können. Ab Juni finden regelmäßige Treffen und Workshops in Berlin statt, zu denen man sich unter kontakt@fintechladies.com anmelden kann. So möchte ich für mehr Visibilität und Austausch sorgen und mehr Frauen zu einer Karriere im Fintech Bereich motivieren.

Seien Sie dabei: www.fintechladies.com

Christine Kiefer

3 Kommentare

  1. Liebe Christine,

    danke für den tollen Artikel. Ich finde es gut, dass Du die gesellschaftlichen und kulturellen Vorurteile adressierst, gleichzeitig aber auch zeigst, dass frau selbstbestimmt alles erreichen kann und nicht (immer) in einer selbstgewählten Opferrolle verharren muss. Ich wage zu behaupten, dass solche positiven Rollenvorbilder wie Du tausendmal mehr bewirken, als irgendwelche gesetzlichen Quotenregelungen.

    Gleichzeitig frage ich mich, ob es dann der richtige Schritt ist, ein Frauennetzwerk zu gründen – quasi als Konkurrenzveranstaltung zu (vermeintlich) reinen Herrennetzwerken. Bleibst Du damit nicht in genau demselben “Silodenken” verhaftet, wie es unsere Arbeitswelt seit jeher ist? Männer fördern Männer, Frauen fördern Frauen.

    Wäre es nicht deutlich sinnvoller, endlich dieses Geschlechterdenken aufzugeben und stattdessen gemischte “Talentnetzwerke” zu forcieren? Sollte es nicht darum gehen, tolle und talentierte MENSCHEN zu fördern und Ihnen bei der Entfaltung ihrer Fähigkeiten zu helfen – egal welches Geschlecht sie nun haben? Nenn mich gern naiv, aber ich finde: DAS wäre eine erstrebenswerte Vision.

    Beste Grüße
    Tobias

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.