Digitalisierung in der Versicherungsbranche: Weiße Flecken

Die Meldungen diesen Monat hatten es in sich: Finleap sammelt 39 Millionen Euro ein, die Baloise beteiligt sich an Trov und die Badische Gemeindeversicherung an Thinxnet. Man hat das Gefühl, die Digitalisierungseuphorie ist nicht mehr zu bremsen.

Den gleichen Eindruck habe ich, wenn ich heute mit Managern der Versicherungsunternehmen über Digitalisierung spreche. Alle haben bereits ein fertiges Programm, eine ausgearbeitete Strategie, den perfekten Berater und ein Innovation-Lab. The job is done.

No, it’s not.

Erst, wenn ich mich etwas zurücklehne und die vielfältigen Eindrücke sortiere, wird deutlich, dass dies mitnichten der Fall ist. Die Branche ist weder ausreichend vorbereitet, noch ahnt sie eigentlich, was auf sie zu kommt. Das Modewort „Digital“ bietet Risiken und Chancen, die die wenigsten Unternehmen bereits für sich reflektiert und bewertet haben. Und wenn man Top-Etagen einzelner Versicherer hierzu befragt, dann erhält man viele bemerkenswerte Antworten, die von „das geht schon wieder vorüber“ über „wir führen doch gerade eine App ein“ bis zu „wir verschicken unsere Policen jetzt als PDF“ reichen. Damit scheint das Digitalisierungsthema erledigt zu sein.

Gut, Sie werden jetzt einwenden, dass doch MunichRe, Allianz X, das Axa Innovation Lab oder der Hackathon der Zürich die besten Beispiele dafür sind, dass ich mich irre. Dass meine Sorgen unberechtigt sind und bereits unglaublich viel getan wird. Aber selbst wenn Sie Baloise, Ergo und Alte Leipziger noch hinzufügen: Wir stehen erst ganz am Anfang der Digitalisierungswelle – und nur die vorderen fünf bis zehn der Versicherungsbranche scheinen vorbereitet. Dabei sind die Herausforderungen riesig.

Ein paar Beispiele gefällig?

Wer digitalisiert die Prozesse der Old-Economy-Versicherer im gleichen Tempo wie die jungen Insurtech-Anbieter Element, Flypper, One oder im Krankenversicherungsbereich Ottonova? Denken Sie an die transparenten, fröhlichen und stark visuell geprägten Produktinformationen der Insurtechs mit Robo-Chat oder Chat-Option: Haben Sie mal zehn Websites der Old Economy neben zehn Websites der Insurtechs gelegt? Mehr muss man gar nicht sagen.

Oder der Antragsprozess: Die New Economy kommt mit deutlich weniger Antragsfragen aus, da sie auf Basis sozialer Profile bereits ein Produkt vorkonfigurieren kann. Ist die Entscheidung für eine bestimmte Hausrat- oder Haftpflichtversicherung gefallen, sind die Optionen ebenfalls vielfältig: Die Art des Selbstbehaltes, der Zahlmethode und selbst der Schadenfreiheitsvorteile kann der Kunde selbst auswählen. Die Unterschrift erfolgt dann digital, nicht mehr persönlich. In einigen Fällen sogar schon per Fingerprint auf dem Smartphone. Deckung erfolgt in Sekunden. Die Police? Wird in der Cloud hinterlegt.

Diese Reihe wäre noch lange fortsetzbar.

Nun, werden Sie an dieser Stelle wiederum einwenden: Wir sprechen doch nur über Retail und außerdem endet der Spaß dort, wo der Kunde beraten werden möchte. Stimmt. Aber wenn die jungen Retail-fokussierten Insurtechs einmal Fuß gefasst haben, ist es schwer vorstellbar, warum der Endkunde oder auch der Makler nicht dort bleiben soll. Schneller, unkomplizierter und günstiger. Letztlich müssen sich die tradierten Versicherer, die bisher noch nicht aktiv geworden sind, sehr deutlich die Frage stellen, ob sie ihre Wettbewerbsfähigkeit einbüßen, wenn sie jetzt nichts tun.

Kein Aufatmen

Digitalisierung bedeutet eine vollkommen neue Nutzung vorhandener Daten, einen anderen Zugang zu Risikoinformationen und deren „Bepreisung“ für ein bestimmtes Produkt. Sie macht den Kunden nahezu gläsern und ermöglicht eine andere, viel intensivere Begleitung seiner Lebenssituation rund um die Uhr. Denken Sie nur an Schadenprävention, Inkasso oder – viel weitergehender – die technische Risikobeurteilung im Firmenkundenbereich. Selbst das Geschäftsmodell der Industrieversicherer mit global tätigen Großkunden wird hierdurch in den nächsten Jahren massiv verändert werden.

finletter-Autor Moritz Finkelnburg schreibt über Insuretech
finletter-Autor Moritz Finkelnburg schreibt über Insurtech

Die gesamte Arbeitsumgebung eines Versicherers und die Anforderungsprofile an den Mitarbeiter von morgen werden neu gestaltet werden müssen. Und die Mitarbeiter von heute müssen ebenfalls lernen, mit dieser Situation umzugehen und sich weiterzuentwickeln.

Die Versicherer, die diese Themen auf die leichte Schulter nehmen oder gar ignorieren, werden hierfür in den nächsten Jahren einen hohen Preis bezahlen. Sie müssen jetzt nicht Innovationstreiber sein, aber zumindest aufmerksam beobachten und für sich die richtigen Schlüsse ziehen. Es wird nicht reichen, eines der zahlreichen Beratungshäuser hiermit zu beauftragen, denn dieses Thema ist Kernaufgabe der Unternehmensführung. Schon aus der Verantwortung für das Unternehmen und seine Mitarbeiter heraus sollte sich jeder Manager intensiv mit den Herausforderungen der Digitalisierung beschäftigen und die erforderlichen Schritte zum digitalen Versicherer mit Bedacht planen und konsequent umsetzen.

Dies gilt vom Kundenservice über die Produkt- und Prozessgestaltung, von der vertrieblichen Digitalisierung bis hin zum Change Management oder der Frage, wo man zukünftige digitale Mitarbeiter rekrutieren soll. Erst wenn die Unternehmen diese Fragen auf Basis ihrer jeweiligen individuellen Schwerpunkte beantwortet und eine dazu passende digitale Strategie entwickelt haben, können sie beruhigt in die Zukunft schauen.

Moritz Finkelnburg

3 Kommentare

  1. Sie schreiben:

    „Die New Economy kommt mit deutlich weniger Antragsfragen aus, da sie auf Basis sozialer Profile bereits ein Produkt vorkonfigurieren kann.“

    Würden Sie bitte konkrete Beispiele nennen, bei denen Anbieter in Deutschland auf Basis sozialer Profile ein Produkt vorkonfigurieren und aufgrund dessen mit weniger Antragsfragen auskommen? Das würde ich mir gerne einmal im Detail ansehen.

    Vielen Dank!

    1. Hallo Eric,

      vielen Dank für Ihre Frage und Ihre Geduld. Die Tendenzen gibt es bei den grösseren Playern der Branche (Allianz, AXA, Generali, VHV) bereits seit längerem in Form der Scoring-Tarife, die ein möglichst persönlich auf die Belange des Kunden zugeschnittenes Produkt und – vor allem – Pricing erreichen sollen. Neu ist, getrieben durch die Digitalisierungswelle, dass man über die vom Kunden freiwillig zur Verfügung gestellten sozialen Profile (Facebook, Twitter, LinkedIn, Instagram etc.) Daten erlangt, die von der Kundenseite her den passenden Produktzuschnitt erreichen sollen. Also wo und wie der Kunde lebt, ob mit Familie, Single, jung/alt, selbst Hobbies etc. Vorreiter sind hier die bekannten InsurTech-Broker wie Clark, Wefox oder im BU-Bereich auch Getsurance, um nur einige zu nennen. Natürlich gilt es auch für sie, diese Informationen konform zu datenschutzrechtlichen Bestimmungen zu erlangen und verwerten. Soweit ich dies erkennen kann, achten alle aber sehr genau hierauf. Am besten wenden Sie sich für noch detailliertere bzw. technische Informationen an die drei Unternehmen. Ansonsten vermittele ich gerne auch einen Kontakt.

      Beste Grüsse,
      Moritz Finkelnburg

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