About Fintech #7: Lieber Bitcoin, was bist du wert?

Vor vielen Jahren hatte ich mir die Aktien einer US-Firma mit scheinbar glänzenden Zukunftsaussichten gekauft. Aqua Society Inc. hieß die und wollte damit groß werden, dass sie die Wasserversorgung in den unterversorgten Regionen der Welt verbessert. Ich war naiv, geblendet von der Aussicht auf große Gewinne. Immerhin kannten die Kurse nur eine Richtung, nämlich die nach oben. Diese Chance konnte ich mir doch nicht entgehen lassen! Und die Story klang doch so nachvollziehbar und zukunftsträchtig.

Wie blöd von mir, aber: Zum Glück bin ich am Ende sogar noch mit einem kleinen Gewinn aus der Sache rausgekommen. Rechtzeitig raus, bevor der große Crash kam. Fünf Aktien behielt ich, man weiß ja nie. Seit Jahren liegen diese nun mit einem Kurswert von exakt 0,00 Euro in meinem Depot – und sind mir eine Warnung.

Welcher Wert steckt eigentlich hinter Bitcoin?

Trotz dieser Erfahrung bin ich gerade wieder so weit, auf einen ganz großen Hype aufspringen zu wollen – Bitcoin. Ein gewagter Vergleich, sagen Sie? Pump-and-Dump-Aktie vs. der Star unter den Kryptowährungen. Doch bei allem Hype sollte man einmal innehalten und einen Moment darüber nachdenken, sage ich.

Damals wie heute ging es um Versprechen auf die Zukunft. Darum, an einer Rallye teilzuhaben und schnelles Geld zu verdienen. Aber auch um Spekulation, um eine Wette und die Frage: Welche Substanz steckt eigentlich dahinter? Diese Frage darf – und muss – man aktuell auch bei Bitcoin stellen.

Tobias Baumgarten
Tobias Baumgarten hat auf finletter die aktuellen Fintech-Trends im Blick. Nebenbei bloggt er auf aboutfintech.de.

Der Bitcoin-Kurs lebt von der Spekulation

Sicher: Die Blockchain-Technologie ist das große Thema (nicht nur!) in der Finanzbranche. Was könnte man damit nicht alles Gutes tun? Welche Effizienzen könnte man damit heben? Welche neuen Möglichkeiten und Geschäftsmodelle werden damit erst möglich? Alles richtig, keine Frage. Nur muss man unterscheiden zwischen der grundlegenden Blockchain-Technologie als solches und dem Bitcoin, quasi dem Proof-of-concept dafür.

Auch wenn der Kurs des Bitcoin allen Schwankungen zum Trotz nur den Weg nach oben kennt, stellt sich die Frage nach seinem eigentlichen Wert. Schaut man einmal nüchtern hinter die Kulissen des Hypes, kommen einem doch einige Zweifel. Denn die zentrale Funktion einer Währung liegt eigentlich darin, dass sie den frühgeschichtlichen Tauschhandel ablöst und als Zahlungsmittel dient. Und genau das tut Bitcoin – Ausnahmen bestätigen die Regel – nicht.

Stattdessen lebt der Bitcoin-Kurs wesentlich von zwei Faktoren: Zum einen chinesischen Angstsparern, die ihr Erspartes gegen allzu starke Schwankungen des Yuan absichern wollen und im stark reglementierten chinesischen Markt einfach keine andere Möglichkeit finden. Zudem seit einiger Zeit von professionellen Börsenzockern, die gemerkt haben, dass man mit den Schwankungen der Kryptowährung schnelles Geld verdienen kann.

In seiner jetzigen Form hat der Bitcoin keinen harten inneren Wert

Einen echten Wert bekäme Bitcoin dann, wenn es ein weit verbreitetes und akzeptiertes Zahlungsmittel würde. Aber kann es das in seiner jetzigen Form überhaupt? Ganze sieben Transaktionen kann das System pro Sekunde verarbeiten und mit dem SegWit-Update wird diese Kapazität sicherlich ein Stück weit steigen. Das reicht aber noch nicht einmal aus, um den Zahlungsverkehr einer kleinen Provinzsparkasse zu übernehmen. Von einer ganzen Volkswirtschaft oder gar der Welt – und dafür wäre er ja prädestiniert – ganz zu schweigen.

Das System ist also viel zu langsam, um als echte Zahlungswährung zu fungieren. Ein Problem, das systeminhärent ist, also auch nicht mal eben gefixt werden kann. Bleibt also nur noch die Funktion als „digitales Gold“ zur Wertaufbewahrung. Nur dass physisches Gold wenigstens als Schmuck- und Industrierohstoff einen realen Gegenwert hat. Deshalb hat Gold und nicht etwa Muscheln oder Kieselsteine weltweit eine solche Bedeutung.

Wenn jetzt Investmentbanken wie Goldman Sachs erneut Kursziele jenseits der 3.000 Euro je Bitcoin ausrufen, dann mag da kurzfristig etwas dran sein, weil der Hype den Hype nährt. Nur steckt dahinter – bisher – keine Substanz.

Was wir daraus lernen können

So schließt sich der Kreis zu meiner Eingangsstory. Dieses Mal bin ich vorsichtiger. Ein bisschen jedenfalls. Zwischenzeitlich habe ich auch ein paar Mal Bitcoins ge- und wieder verkauft. Muss sein, denn als Fintech-Experte muss man alles einmal selbst ausprobiert haben, wenn man nicht wie der Blinde von der Farbe sprechen will. Und fast hätte mich der Hype wieder einmal mit angesteckt. Doch dann habe ich mein Depot angeschaut und da waren sie: meine fünf Null-Euro-Aktien von Aqua Society als Warnung.

Vielleicht verpasse ich gerade die Anlage-Chance meines Lebens. Vor Jahren hätte man mit 1.000 Bitcoin immerhin gerade einmal eine Pizza kaufen können, heute mehrere Kilo Gold. Nur kann mir bisher niemand nachvollziehbar erklären, welchen echten Wert ein Bitcoin in seiner derzeitigen Form haben soll. Wie gesagt: Die Technologie dahinter hat das Potential, die Welt zu verändern. Beim Bitcoin bleibe ich skeptisch. Vielleicht sollte die aktuelle Marktschreierei der Investmentbanken auch eher ein Warnsignal sein…

Tobias Baumgarten

4 Kommentare

  1. “Ganze sieben Transaktionen kann das System pro Minute verarbeiten”
    Bei diesem Wissensstand würde ich Herrn Baumgarten auch davon abraten in BTC zu investieren.

    1. Lieber Horst,

      vielen Dank für den Hinweis! Natürlich waren eigentlich “sieben Transaktionen pro Sekunde” gemeint, nur dummerweise nicht so geschrieben. Asche über mein Haupt :-/

      Ich habe die Aussage im Text entsprechend korrigiert.

      Beste Grüße
      Tobias Baumgarten

  2. Bei Bitcoin bin ich nun schon seit über 5 Jahren dabei. Ich hab die Technologie intensiv studiert und weitgehend bis in die Tiefe verstanden. Ich halte mich über diverse Kanäle ständig auf dem Laufenden was aktuelle Entwicklungen angeht. Selbstverständlich habe ich auch einiges in Bitcoin investiert und nutze es hin und wieder als Zahlungsmittel. Mir sind auch die aktuellen Limitierungen bewusst. Zugleich sehe ich aber, dass unzählige hoch intelligente Leute an genau diesen Problemen arbeiten und dabei sehr interessante Lösungsansätze präsentieren, welche weit über SegWit hinausgehen (Stichwort Off-Chan Transaktionen). Ich habe daher sehr großes Vertrauen in die Technologie und glaube fest daran, dass Bitcoin noch viel grösser wird als es aktuell ist. Wenn ich sage ich habe Vertrauen in die Technologie, meine ich damit Bitcoin und eventuell noch zwei drei andere Altcoins. Vom ganzem Blockchain Hype halte ich nicht viel, da sehr vieles was darüber geschrieben ist ziemlich absurder Schwachsinn ist.
    Viele Leute, die das Thema Bitcoin nur oberflächlich betrachten, machen den Fehler, dass man Bitcoin mit herkömmlichem Geld vergleicht und dann vor allem die Nachteile sieht. Man vergisst dabei aber dass Bitcoin auch ganz neue Use Cases erlaubt die mit bisherigen Zahlungssystemen undenkbar sind. Genau darin sehe ich jedoch das große Potential. Als das Internet aufkam wurde das am Anfang auch nur als modernes Fax-System angesehen und niemand ahnte was damit alles mal möglich wird. Die Skalierung war beim Internet auch dauernd ein Thema. Heute haben wir Bandbreiten die sich vor 20 Jahren niemals jemand ausdenken konnte.
    Bitcoin muss und wird sich weiterentwickeln. Wohin die Reise führt kann ich auch nicht sagen… Zu investieren ist natürlich nicht ohne Risiko. Aus meiner Sicht ist Bitcoin aber immer noch sehr stark unterbewertet, weil es einfach immer noch nur von sehr wenigen richtig verstanden wurde.
    Ich empfehle jedoch niemandem Geld da reinzustecken der es nicht wirklich verstanden hat. Wer sich Bitcoin kauften will sollte mindestens in der Lage sein, diese selbst zu halten und die nötigen Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Wer Bitcoin nur als Wertpapier bei einer Bank kauft, der hat einiges nicht begriffen und sollte definitiv die Finger davon lassen!

    1. Vielen Dank für den ausführlichen Kommentar! Die Ideen und Gedanken kann ich nachvollziehen. Sicher: falls (!) sich Bitcoin tatsächlich massiv weiterentwickelt und falls Bitcoin in der Folge eine weite aktive Verbreitung findet, dann muss der Kurs zwangsläufig steigen. Bei fixer Obergrenze für die Anzahl Bitcoins ist eine Deflation (und damit eine Wertsteigerung des “Geldwertes”) unausweichlich.

      Dafür müssen aber tatsächlich die aktuellen Schwächen des Bitcoin ausgeräumt werden. Und hier beginnt die Glaubensfrage: glaube ich daran, dass die Community die richtigen Schritte konsequent und schnell mitgehen wird, oder glaube ich, dass eine Altcoin das Rennen machen wird, welche die Schwächen vom Bitcoin schon per Design ausschließt?

      Wenn ich mir anschaue, wie fundamental sich verschiedene Gruppen innerhalb der Community entgegenstehen, dann habe ich so meine Zweifel, ob Bitcoin die Kurve bekommt. Was bringen die klügsten Leute, die an den Problemen arbeiten, wenn die Basis am Ende nicht mitzieht. Und wenn man die Presse verfolgt, äußern sich ja selbst Pioniere aus dem Core-Team mittlerweile kritisch ob der ganzen Fundis.

      Letztlich ist es ein Blick in die Glaskugel (die ich leider nicht im Keller stehen habe) und viel (oder eben wenig) Glaube. Und mein Bauchgefühl ist da eher skeptisch mit Blick auf Bitcoin, aber im Grundsatz sehr optimistisch, was Kryptowährungen im Allgemeinen angeht.

      In ein paar Jahren sind wir alle schlauer :-)

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