Wieviel Tech steckt eigentlich in Fintech?

Wieviel Tech steckt eigentlich in Fintech? Auf Start-up-Events und Konferenzen treffe ich regelmäßig auf Banker, die mir diese Frage stellen. Oft hat mein Gesprächspartner eine klassische Bankkarriere durchlaufen: Bankausbildung, die erste Station als Junior in einer der großen Bank, der Aufstieg zum Teamleiter, irgendwann zum Abteilungsleiter. Oft folgte dann – nach zehn Jahren oder mehr – der Ausstieg, gefolgt von der Frage, was als nächstes kommen soll.

Christine Kiefer (Bild: Laura Jost) erklärt Jobs in Fintech
Christine Kiefer, Gründerin der Fintech Ladies (Bild: Laura Jost)

Fintech als nächster Karriereschritt

Für viele scheint die Fintech-Szene ein interessanter nächster Karriereschritt zu sein: nah am Zahn der Zeit, ein lebendiges Geschäftsfeld. Viele sind jedoch abgeschreckt von der vermeintlichen Tech-Lastigkeit. Passt man als gestandener Banker denn überhaupt rein in ein junges, wildes Start-up? Wirkt man sich da nicht negativ auf den Altersdurchschnitt aus? Und: Wie viel Tech muss man denn überhaupt können, um in einem Fintech mithalten zu können?

Um diese Frage zu beantworten, möchte ich zunächst einmal auf die Rollen eingehen, die man in Fintechs findet, in der Hoffnung, dass sich der Fragesteller in einer der Rollen wiederfindet.

Die Vielfalt der Jobs in Fintech

Legal: Mehr als für andere Start-ups sind für Fintechs regulatorische Fragen hoch relevant. Oft ist eine Lizenz notwendig für das Geschäftsmodell, die bei der Bafin beantragt werden muss. Hier sind Leute mit Erfahrung aus der Rechts- oder Compliance-Abteilung einer Bank oder Versicherung sehr gefragt.

Operations: Je nach Geschäftsmodell kann dies ganz einfach nur Kundenservice bedeuten, die Bearbeitung von Kontoeröffnungen und Kundenanfragen beispielsweise. Gerade in diesem Bereich sind Mitarbeiter, die diese Tätigkeit schon mal in einem traditionellen Unternehmen ausgeführt haben und dadurch Erfahrung von Abläufen, Prozessen, und ganz einfach Erfahrung mit Kunden haben, sehr gefragt.

Sales, PR und Marketing: Diese Bereiche sind super für Quereinsteiger geeignet, die bislang noch nichts mit Fintech gemacht haben. Unter Sales versteht man im Fintech-Bereich oft den B2B-Vertrieb, da meist Kooperationspartner gesucht werden. Ist das Geschäftsmodell ein B2C-Modell, so werden Kunden ohnehin meist über klassisches Onlinemarketing erreicht.

Dies sind die Bereiche, in denen ich die Chancen für Quereinsteiger am höchsten einschätze bzw. selbst auch schon gezielt nach Mitarbeitern mit „klassischer“ Erfahrung gesucht habe.

Tech: Rein von der Tätigkeit ist der Unterschied zwischen Bank und Fintech für einen Softwareentwickler oder IT-Admin wahrscheinlich gering. Einen großen Unterschied gibt es allerdings dabei, in welchen Zyklen Software entwickelt und veröffentlicht wird und wie die nächsten Features entwickelt werden, genauso wie im Produkt-Management, das sich am deutlichsten unterscheidet.

Produktentwicklung ist entscheidend für den Erfolg

Product: Jedes Fintech, ja jedes Start-up, sollte an erster Stelle darüber nachdenken, welches Produkt der Kunde eigentlich braucht. Welche Dienstleistung gibt es in der Finanzbranche noch nicht, die wir dem Kunden bieten können? Was kann man besser machen? Und wie soll es aussehen?

Dieser Frage geht das Produkt-Team, bestehend aus Produktmanagern und UX/UI-Designern unter der Leitung des CPO (= Chief Product Officer) nach. Die Umsetzung wird meist von einem Product Owner pro Entwickler-Team überwacht. Um die Welt der Fintechs besser zu verstehen und Ideen dafür zu bekommen, wie Innovation im eigenen Unternehmen vorangetrieben werden könnte, rate ich Bankern dringend dazu, sich mit der „neuen Welt“ der Produktentwicklung auseinanderzusetzen.

Pflichtenheft, Lenkungsausschuss und Arbeitskreis sind Wörter, die im Fintech Arbeitsalltag nicht fallen werden. Begriffe, die man verstehen sollte, sind hingegen: Design Thinking, Agile Development, Lean Startup, Scrum, Kanban. Wer lange Zeit bei einer Bank verbracht hat, hat hier kaum Chancen für einen Quereinstieg.

Gerade in der Produktentwicklung liegt aber der Schlüssel zum Erfolg. Und hier haben die Banken am meisten Nachholbedarf. Deswegen sei jedem Banker geraten, sich mit den neuen Methoden der Produktentwicklung auseinanderzusetzen, unabhängig davon, ob er in ein Fintech wechseln möchte oder nicht.

Größter Unterschied liegt in der Firmenkultur

Viel wichtiger für einen erfolgreichen Wechsel in ein Fintech als das technische Verständnis schätze ich den Willen ein, sich der Start-up-Kultur anzupassen. Den klar vorgegebenen Strukturen und Prozessen in einer Bank stehen stetiger Wandel und kreative Schaffenskraft gegenüber.

Durch ein MVP (= Minimum Viable Product, erste minimale funktionsfähige Version eines Produkts) werden neue Produkte schnell getestet und iterativ verbessert oder auch verworfen. Flexibilität muss daher nicht nur das Produkt-Team mitbringen, sondern auch alle anderen Mitarbeiter, da sich Anforderungen sehr schnell ändern können. Diese Schnelllebigkeit und der große Gestaltungsspielraum mögen den einen oder anderen, der gern in gesetzten Strukturen arbeitet, überfordern.

In welchem Arbeitsumfeld man sich letztendlich am wohlsten fühlt und wie man am produktivsten arbeiten kann, hängt daher von vielen Faktoren ab – Technologiekenntnisse sind dabei nur eine Komponente.

Christine Kiefer

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