Kommentar: Hört auf, an die Fintech-Revolution zu glauben!

Fintech wird erwachsen – und das ist richtig und wichtig! Drüben bei „Payment and Banking“ beklagt diese Woche Maik Klotz seine „Beziehungskrise“ mit Fintech. Einst „wild und so rebellisch“, heute „angepasst“ und „fast spießig“ sei die Financial-Technology-Szene. Der Berater und Fintech-Experte hangelt sich vom Mobile Payment übers Neo-Banking und P2P-Payment bis zu Kryptowährungen und Crowdfunding, er analysiert die einzelnen Bereiche und resümiert: Verbesserungen habe es gegeben, aber keine Revolution, sondern höchstens eine Evolution.

Ach ja, das Wort Revolution. Es geht immer so schnell von den Lippen. Wir haben es sicherlich das ein oder andere Mal zu schnell fallen lassen. Die Start-ups in ihrem Marketingsprech auf der anhaltenden Jagd nach der nächsten Million sowieso. Aber: Wer hat ernsthaft geglaubt, dass Fintech eine Revolution hervorrufen wird?

In einer Revolution wird ein  bestehendes System vollständig zerstört und ein neues etabliert. Wir gehen nicht – und gingen eigentlich auch nie – davon aus, dass es Fintechs gelingen wird, die Bankenbranche zu zerschlagen und sich als alleinige Herrscher zu etablieren. Das wäre auch ziemlicher Unsinn. Etablierte Banken müssen ihren Platz in einer neuen, digitalisierten Welt finden, aber das heißt nicht, dass sie alle geschlossen gehören.

Flickr-Bild von Alistar Hamilton (CC BY 2.0)
Wer hat eigentlich was von Revolution gesagt?

Die Aufgabe eines Fintech-CEOs ist nicht, die Banken überflüssig zu machen – sie arbeiten für ihre Kunden, nicht gegen die Banken. Alles andere ist Marketing-Sprech aus dem Pitchdeck. Deswegen arbeiten Fintechs auch häufiger mit Banken zusammen als gegen sie, nutzen zum Beispiel deren Banklizenz oder bieten ihren Produkte deren Kunden an. Unternehmen, die sich auf ihre Kunden fokussieren, haben sehr wahrscheinlich in der Finanzwelt der Zukunft eine deutlich höhere Überlebenschance als diejenigen, die sich als Angreifer aufs Establishment positionieren.

Deutschland ist nicht Asien

Natürlich hat Maik Klotz an vielen Stellen Recht: Weder Mobile Payment noch das Bezahlen in Kryptowährungen spielen für den deutschen Durchschnittsnutzer bislang eine besondere Rolle. Und die Crowdfunding-Plattformen – von denen einer der Autoren dieses Textes, Clas Beese, mit finmar ja selbst eine betrieben hat – können und konnten in Sachen Usability wirklich nicht überzeugen. Doch das Revolutionäre eines Fintechs, um das Wort dann doch noch mal zu bemühen, ist auch nicht das moderne User-Interface. Der Plattformgedanke ist es, der ein Unternehmen groß machen wird oder eben nicht.

Auch Paypal ist nicht optimal umgesetzt, ist aber trotzdem Marktführer, weil gegen die Netzwerkeffekte des Unternehmens niemand mehr ankommt. Siehe Paydirekt. Da hilft wahrscheinlich nur noch ein Gesetz, dass Onlineshops dazu verpflichtet, vier deutsche Payment-Anbieter einzubinden.

Vielleicht muss man an dieser Stelle noch mal kurz die grundsätzliche Digitalskepsis der Deutschen sowie ihre Liebe für Bargeld erwähnen. Ist doch klar, dass auch die Evolution auf einem solchen Markt länger dauert als im Tech-begeisterten asiatischen Raum. Wir sind einfach noch nicht soweit. Aber da kann Fintech nichts für.

Please grow up!

Klotz schließt seinen Kommentar mit der Aufforderung an Fintech: „Don’t grow up, it’s a trap!“ Wir plädieren für das Gegenteil! Erwachsen werden ist nötig. Ohne dümpeln wir weiter vor uns hin.

Ja, das Wachstum von Fintech-Investments hat sich verlangsamt: 716 Millionen Euro haben Investoren 2017 in deutsche Finanz-Start-ups gesteckt. Das ist immer noch eine Rekordsumme, auch wenn die Wachstumsrate deutlich hinter den Vorjahren liegt und es insgesamt weniger Finanzierungsrunden gab. Aber noch ist das Ende des Booms nicht da.

Investoren haben 2017 größere Summen in reifere Fintechs investiert und weniger kleine Investments getätigt. Es spricht viel dafür, dass sie festgestellt haben, worauf es ankommt und wogegen – Stichwort Paypal – man als deutsches Start-up nicht ankommen wird. Vielleicht fallen Investoren auch einfach nicht mehr auf die Verheißungen der Fintechs rein, die eine Revolution ausrufen. Für viele Start-ups dürfte das Jahr 2017 ein Weckruf gewesen sein, da es nicht mehr so leicht wie noch in den wilden ersten Fintech-Jahren war, an Kohle zu kommen. Sie werden nun gezwungen, erwachsen zu werden.

Wir sind überzeugt: Vieles von dem, was Maik Klotz – auch zu Recht – kritisiert, wird sich erst dann ändern, wenn Fintech erwachsen wird. Erwachsen werden bedeutet,

  • dass die Fintechs nicht mehr nur die Earlyadopter ansprechen,
  • dass sie sich ihrer Rolle im Ökosystem bewusst sind,
  • dass sie bei aller Liebe fürs Experimentieren ein nachhaltiges Geschäftsmodell entwickeln,
  • statt sich von Finanzierungsrunde zu Finanzierungsrunde zu hangeln,
  • dass die Fintechs an Bekanntheit gewinnen
  • und lange genug am Markt sind, um das Vertrauen der Nutzer zu gewinnen.

Insofern: Please grow up, Fintech! Auch als Erwachsener darf man ja noch rebellische Züge haben, man besinnt sich halt nur rechtzeitig wieder.

Carolin Neumann
Clas Beese

3 Kommentare

  1. “Es ist nicht wichtig, wie schnell ihr heute wachst, solange ihr in 1-2 Jahren ein reifes Produkt, eine bekannte Brand, zufriedene Kunden und verlässliche Prozesse habt, um dann nachhaltig zu wachsen.” — no investor, ever

Die Kommentare sind geschlossen