Allianz & N26: Comeback der Allfinanz?

Wiederholt sich Geschichte doch? 2001 übernahm die Allianz die Dresdner Bank, um zukünftig Versicherungspolicen und Bankprodukte aus einer Hand anbieten zu können. Das Vorhaben endete bereits sieben Jahre später – als einer der größten und teuersten Irrtümer der deutschen Finanzgeschichte.

Für die Kunden war das sehr bedauerlich. Schließlich erhielten sie beim Konzept der „Allfinanz“ ein koordiniertes Angebot von Bank- und Versicherungslösungen und konnten so alle (lästigen) finanziellen Notwendigkeiten in einem Aufwasch klären und jede Menge Zeit und Aufwand sparen. Dementsprechend scheiterte das Konzept auch nicht an mangelnder Akzeptanz, sondern vor allem an internen Dissonanzen. Die unterschiedlichen Kulturen von Bankern und Versicherungsvertretern waren einfach nicht erfolgreich unter einen Hut zu bekommen.

Doch die damals so hinderlichen internen Graben- und Kulturkämpfe haben inzwischen enorm an Bedeutung verloren. Denn der Point of Sales ist für immer mehr Bank- und Versicherungsprodukte nicht nur die Bankfiliale oder das Büro des Versicherungsvertreters, sondern auch bzw. vor allem das Internet. Die Digitalisierung ermöglicht somit die Renaissance des Allfinanz-Konzepts. Und die schwache Ertragslage der Banken und Versicherer bringt die notwendige unternehmerische Motivation, das Thema voranzutreiben und zunehmend im Revier des anderen zu wildern.

Kooperationen mit Start-ups bieten Banken und Versicherungen Chancen

Immer mehr Banken kooperieren dazu mit Insurtechs, also Start-ups aus dem Versicherungssektor. Bankkunden erhalten so die Möglichkeit, ihre Versicherungsverträge digital abzulegen, laufend zu optimieren, sich über zusätzliche Versicherungen zu informieren und diese direkt online abzuschließen.

Die sich daraus ergebenen neuen Erlösquellen in Form von Bestands- und Abschlussprovisionen sind aber nicht das Hauptmotiv für die Banken. Sie wollen sich für ihre Kunden unersetzlich machen, sie umfassend im eigenen digitalen Universum versorgen und ihr erster Ansprechpartner sein – weit über die typischen Bankthemen hinaus.

Von vergleichbaren strategischen Motiven getrieben, sorgte auf der Seite der Versicherungen die Allianz für einen Paukenschlag. „Nicht unerheblich“ beteiligte sich der Konzern an N26, einem Start-up aus dem Bankensektor mit Vollbanklizenz.

Oberste Priorität: Vertrauen zurückgewinnen

Allerdings stehen diese Bemühungen um die „Pole Position“ zum Kunden aktuell unter einem schlechten Stern. Laut dem GfK Global Trust Report vertrauen nur noch 35 Prozent der Deutschen den Banken und Versicherungen. Das ist verheerend – und eine Steilvorlage für derzeit noch branchenfremde Dritte! Oberste Maxime muss demnach zunächst sein, das verlorene Vertrauen wiederherzustellen. Die Kunden müssen (wieder) glauben, dass ihre Bank oder Versicherung wirklich immer das für sie beste Angebot zusammenstellt.

Pressebild N26
N26 ist die erste Bank, die von Anfang an komplett digital gedacht wurde

Das kann nur mit einer offenen Finanzplattform gelingen. Heißt: Den Kunden werden nicht nur Hausprodukte angeboten, sondern auch Produkte von Wettbewerbern. Denn nur dann könnten die Kunden – wie gewünscht – unterschiedliche Angebote bequem vergleichen und die für ihre Bedürfnisse und ihr Budget optimale Lösung aussuchen.

Die Bank oder die Versicherung, die solch ein Angebot individuell passender Produkte nutzerfreundlich ermöglicht, würde einen erheblichen Wettbewerbsvorteil haben. Sie würde sich nämlich die Rolle des ersten Ansprechpartners nachhaltig sichern – und die anderen Banken und Versicherungen in die Rolle der reinen Produktlieferanten drängen.

Die große Chance dazu hätte nun die Allianz – zusammen mit N26. Denn N26 hat etwas, was keine andere deutsche Bank hat: Das Unternehmen wurde von Anfang an digital aufgebaut, muss somit keine veralteten Systeme überarbeiten und versteht digitale Lösungen sowie die Plattformstrategie als wesentliche Teile seiner DNA.

Beide zusammen hätten die Marktstellung, das Gewicht und die technischen Möglichkeiten, solch eine vertrauenswürdige Finanzplattform zu schaffen, die jedem Kunden auf intelligente Weise individuell passende, aufeinander abgestimmte Bank- und Versicherungslösungen bereitstellt.

Die Allfinanz-Idee käme dann doch noch zur Anwendung – als innovative Plattform-Lösung. Gewinner wären die Kunden – und natürlich Allianz und N26.

Friedrich-W. Kersting

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