finletter 155 – PR-Stunt von Savedroid, Vodafone, Alibaba

Savedroid täuscht größten Betrug der deutschen Fintech-Geschichte vor

Mit einer PR-Kampagne begann eine der größten deutschen Fintech-Geschichten, die noch eine Weile in der Szene nachhallen wird. Was war geschehen? Ab Mittwochnachmittag war die Website von Savedroid quasi tot. Zu sehen war nur noch ein Bild aus der Serie „South Park“ mit dem Schriftzug „And it’s gone“. Hinzu kam ein mysteriöser Tweet des Start-up-Gründers Yassin Hankir, der die Kleinanleger in Unruhe versetzte, die über Nacht bis hin zu Morddrohungen eskalierten. Hankir war zu diesem Zeitpunkt weder für Presse, Anleger noch Investoren zu erreichen.

Zur Erinnerung: Savedroid galt bislang als eines der Vorzeige-Unternehmen der hiesigen Szene. Als erstes deutsches Fintech hatte die Frankfurter Firma über ein Initial Coin Offerin (ICO) sechs Milliarden Token verkauft und dafür bis zu 40 Millionen Euro eingenommen. Rund 35.000 Anleger hatten ihr Geld dem Start-up anvertraut.

Als am Donnerstag die Nachricht von Savedroids vermeintlichem Verschwinden die Runde machte, wurden drei Szenarien entworfen: Hatte sich der Gründer mit dem Geld abgesetzt? War Savedroid Opfer eines Hacker-Angriffs geworden? Oder handelte es sich um einen Scherz zu Marketing-Zwecken? Selbst Investoren und Beiräte scheinen Berichten und Beobachtungen zufolge von nichts gewusst zu haben.

Wofür Savedroid Werbung macht

Am Donnerstag tauchte die Website wieder auf und Hankir meldete sich mit einer Video-Botschaft. Darin sprach er von einer „sehr drastischen Kampagne“, also tatsächlich einem PR-Stunt. Dieser hatte inzwischen sogar international für einigen Wirbel gesorgt. Zu seinen Motiven sagte der Unternehmer, er habe mit der Aktion auf die Risiken eines ICOs hinweisen und für eine bessere Regulierung sensibilisieren wollen. Finletter-Herausgeber Clas Beese kommentiert, das sei nicht Savedroids Rolle. „Und es ist erst recht nicht ihre Aufgabe, den kompletten Unternehmenswert für diesen Zweck zu verspielen.“

Im Interview mit „Gründerszene“ sagte Hankir: „Wir haben im Endeffekt klargestellt, dass dieser Markt Betrügereien erlaubt.“ Damit stößt er in Fachkreisen allerdings keine neue Diskussion an. Bereits im November vergangenen Jahres hatte die Bafin ein entsprechendes Dokument auf ihrer Seite onlinegestellt, das den rechtlichen Hintergrund und Risiken von Initial Coin Offerings erläutert. Zum konkreten Fall wollte sich die Behörde auf eine finletter-Anfrage nicht äußern.

Der vorgetäuschte „Exit Scam“, wie es im ICO-Sprech heißt, soll wohl auch dazu dienen,  ein neues Geschäftsmodell zu vermarkten: Savedroid kündigt an, demnächst ICO-Beratung zu machen. Hankir bietet sich als Sparrings-Partner für die Finanzaufsicht Bafin an.

Savedroid ist nicht mehr „Fintech des Jahres“

Nach der Auflösung waren Beobachter und Investoren weitgehend einig: Der Fintech-Branche hat Hankir mit dem PR-Stunt einen Bärendienst erwiesen, die Reputation der Finanzszene könnte nachhaltig beschädigt sein. Das Blog „Paymentandbanking“ entschloss sich gar dazu, Savedroid den jüngst verliehenen Publikumspreis zum „Fintech des Jahres 2017“ abzuerkennen.

Für das Start-up könnte es nach dem verspielten Vertrauen nun auch rechtliche Folgen haben. Von der Pressestelle der Polizei Frankfurt hieß es zwar auf finletter-Nachfrage, es werde nicht weiter ermittelt, da der Geschäftsbetrieb aufrecht erhalten worden sei. Die Staatsanwaltschaft jedoch ist ein anderer Fall: Eine Sprecherin der Behörde sagte am Donnerstag laut Medienberichten, man befasse sich mit den Vorgängen bei Savedroid und werde entscheiden, ob ein Verfahren eingeleitet wird.

Hankir selbst steht dennoch zu seiner Entscheidung: „Ich würde es auf jeden Fall noch einmal machen“, sagte er zu „Gründerszene“. „Man darf sich von dieser ersten, sehr emotionalen Zeit nicht beirren lassen. Die Emotionen werden sich auch wieder beruhigen.“

handelsblatt.com, wiwo.de, t3n.de, gruenderszene.de (Interview), finletter.de (Kommentar von Clas Beese), finletter.de (Kommentar von Hartmut Giesen aus Bankensicht), gruenderszene (Kommentar), deutsche-startups.de, paymentandbanking.com (Bafin-Schreiben), paymentandbanking.com (Aberkennung des Preises), it-finanzmagazin.de, xing.com


– Anzeige –
Kartenzahlungen erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Die Bezahlexperten bieten optimale Lösungen für das bargeldlose Bezahlen für Händler und Selbständige sowie Hintergrundinfos an: www.bezahlexperten.de

– Fintech-News Deutschland –

Aus für die digitale Wallet: Als einer der letzter Mobilfunkanbieter stellt Vodafone sein digitales Wallet ein. O2 und Base stampften ihren Dienst bereits 2016 ein, Ende 2018 ist Schluss mit Telekom MyWallet. handelsblatt.com

Neuer Hub in Hamburg: In Kooperation mit dem Hamburger Co-Working-Space Betahaus und den Veranstaltern der Fintech Week entsteht in der Hansestadt ein neuer Fintech-Hub. Bereits im Herbst soll Finhaven in der Hamburger Hafencity eröffnet werden. hamburg-startups.net

Börse Stuttgart mit eigener App: Die Börse Stuttgart hat eine eigene Anwendung für den Handel mit Kryptowährungen angekündigt. Mit „Bison“ sollen Nutzer Kryptogeld kaufen und verkaufen können. Den Anfang macht der Handel mit Bitcoin, Ethereum, Ripple und Litecoin. Pressemitteilung, t3n.de

Ing-Diba und Smartsteuer gehen zusammen: Die Ing-Diba hat eine Kooperation mit dem Fintech-Unternehmen Smartsteuer abgeschlossen. Die Kunden der Direktbank können dadurch ihre Steuererklärungen schnell und online erledigen. Pressemitteilung, it-finanzmagazin.de

Pläne bei N26: Mit der gerade erfolgten Geldspritze will N26 in den nächsten zwei Jahren in die schwarzen Zahlen kommen. Das kündigte Firmenchef Valentin Stalf im Interview an. Ruhig will es der Manager mit einem Börsengang angehen lassen. handelsblatt.com

 

– Fintech-News International –

Ant Financial will Geld aufnehmen: Die Tochter der chinesischen Online-Handelsplattform Alibaba und Inhaber von Alipay, will sich neues Kapital in Höhe von neun Milliarden US-Dollar beschaffen. Damit könnte es zum weltgrößten nicht börsennotierten Tech-Unternehmen aufsteigen. finanzen.net

Zukauf bei Coinbase: Die Krypto-Währungsbörse übernimmt die Start-up-Plattform Earn.com. Wie Coinbase über die Übernahme sagte, hat Earn.com mit seinem Dienst eine der ersten praktischen Anwendungsmöglichkeiten für Blockchain erschaffen. Der Erwerb von Earn.com ist bereits die fünfte Akquisition – die jüngste war der Kauf des Cipher Browsers. techcrunch.com

Samsung plant, auf Blockchain umzustellen: Der südkoreanische Elektronik-Gigant Samsung plant offenbar, seine Lieferkette komplett auf Blockchain umzustellen. Nach der Implemetierung sollen so langfristig 20 Prozent der Logistikkosten eingespart werden, heißt es aus dem Unternehmen. bloomberg.com

Kooperation: Das britische Unternehmen Transferwise hat ein Verrechnungskonto bei der Bank of England und damit direkten Zugang zum Faster-Payments-System erhalten. Es ermöglicht Unternehmen, weltweit in Echtzeit Überweisungen in britischen Pfund anzubieten. forbes.com

Revolut lanciert neues Tool: Mit Vaults hat das Fintech-Unternehmen ein neues Tool auf den Markt gebracht, mit welchem die Benutzer das Wechselgeld für ihre täglichen Einkäufe aufrunden und speichern können. finextra.com

Santander launcht Zahlungsdienst: Die spanische Santander Bank hat ihren Blockchain-basierten internationalen Zahlungsdienst One Pay FX gestartet. Er basiert auf der Unternehmenssoftwarelösung xCurrent von Ripple und soll schnelle und günstige Auslandsüberweisungen ermöglichen. wired.de

 

– Treffpunkte –

Meetup – Corporate VCs – Best of both worlds?: Start-ups können wieder verschiedene Corporate VCs im Frankfurter TechQuartier treffen. 23. Mai, Frankfurt.

Banking meets FinTech: Einblicke und konkrete Lösungsansätze rund um das Thema Digitaler Wandel der Finanzbranche. 15. Juni, Wien.

Mehr Veranstaltungen zu Fintech finden Sie in der Event-Liste auf finletter.de.

 

– Wochenendlektüre –

Comeback der Allfinanz? Banken könnten das Vertrauen ihrer Kunden durch offene Finanzplattformen zurückgewinnen, meint finletter-Autor Friedrich-W. Kersting in seiner „Transformations-Kolumne“. Die große Chance dazu hätte nun N26 – zusammen mit der Allianz. finletter.de

Paypal, eine Gefahr für Banken? Paypal ist zu einem der großen Zahlungsdienstleister herangereift. Gerade die nicht mehr so enge Bindung Paypals an das Auktionshaus eBay wird es sein, die das Unternehmen für die Bankenbranche gefährlich werden lässt. it-finanzmagazin.de

Asiatische Internet-Riesen: Die finanzielle und technologische Schlagkraft dieser Unternehmen könne für etablierte Finanzdienstleister zur Gefahr werden, warnt der Präsident des US-Vermögensverwalters Blackrock, Robert Kapito. Als Beispiel nannte er unter anderem die angestrebte Finanzierungsrunde von Ant Financial (siehe oben). handelsblatt.com

Weniger Bankautomaten: Vor 50 Jahren wurde der erste Geldautomat in Deutschland aufgebaut. Zuletzt schrumpften die Zahlen jedoch massiv. Grund für den Abbau sind Digitalisierung und Kostendruck. faz.net

Plötzlich interessant: Warum werden deutsche Fintechs auf einmal so interessant für ausländische Investoren? An einer Erklärung versucht sich Miriam Wohlfarth, Gründerin von Ratepay. welt.de

Mythos Bitcoin: Für viele Menschen ist der Bitcoin nach wie vor ein großes Rätsel – jetzt werden acht Mythen ausgeräumt. deutsche-startups.de

 

– Meist gelesen in der letzten Woche –

…war der Beitrag über das Banking-Start-up Tomorrow, das im Sommer starten soll. handelsblatt.com

 

– Das Beste zum Schluss –

Was ist denn nun mit der Fintech-Revolution? Gleich zu Beginn der aktuellen Podcast-Folge von „Payment and Banking“ rutscht einem Teilnehmer der Arbeitstitel der 150. Jubiläumsausgabe heraus – „Fintech am Arsch“. Die Teilnehmer, darunter auch Clas Beese (finletter) und Hartmut Giesen (Sutor Bank), beschäftigen sich mit der Debatte, ob die Fintech-Revolution abgesagt ist oder nicht. Bereits im Januar hatten sich die finletter-Macher hierüber Gedanken gemacht, Ende März äußerte sich an gleicher Stelle Hartmut Giesen. paymentdandbanking.com

Christina Cassala

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich stimme zu.