Es gibt Dinge, mit denen spielt man nicht. Kommentar zum Savedroid-Debakel.

Scam, Hack oder PR Stunt? Das war die große Frage in der Fintech-Szene in den letzten 24 Stunden, als auf der Website von Savedroid auf einmal nur noch „And it’s gone“ stand. Ein mysteriöser Tweets des Start-up-Gründers kam dazu. Für Presse, Investoren und Berater war er nicht zu erreichen. So sah es aus, als habe sich das Team mit 40 Millionen Euro aus dem jüngst beendeten ICO aus dem Staub gemacht.

Heute dann die Auflösung: Es war ein PR-Stunt.

Es ist das Szenario, das ich – ganz ehrlich – für am unwahrscheinlichsten gehalten habe. Was bitte sollte Yassin Hankir zu so einem Vorgehen bewegen? Das Vertrauen – das höchste Gut eines jeden Unternehmens in der Finanz- und auch der Fintech-Branche – ist irreparabel zerstört. Solche Nachrichten, auch wenn sie sich später als Scherz herausstellen, verunsichern alle Beteiligten zutiefst.

Hier geht es um Geld. Klar, Experten haben gewarnt, man solle in ICOs nur das Geld stecken, das man auch bereit sei zu verlieren. Trotzdem: Es geht um viel Geld. 40 Millionen echte Euro von echten Menschen. Und mit diesem schlechten Scherz wurde mit den Gefühlen von all diesen echten Menschen gespielt. Heute ärgere ich mich darüber, dass ich mir gestern sogar Sorgen gemacht habe, ob das Savedroid-Team vielleicht Opfer eines Gewaltverbrechens geworden und entführt worden sei. Ganz offensichtlich hat sich die andere Seite um nichts gesorgt.

Alle haben verloren

Am Ende haben alle verloren: Die Gründer haben das Vertrauen ihrer Nutzer und Kunden verloren. Auch wenn das Geld (noch?) nicht veruntreut worden ist, hat das Unternehmen enorm an Wert verloren. Also haben auch alle Investoren verloren, selbst wenn sie – wie man munkeln kann – teilweise eingeweiht gewesen sein sollten. Auch die Berater und Unterstützer haben verloren.

Vertrauen ist das zentrale Gut bei Finanzdienstleistungen. Jeder Marketingmensch weiß, dass es zehn Mal schwieriger ist, Vertrauen aufzubauen, als es simpel zu verlieren. Den Schaden kann das Unternehmen gar nicht mehr gut machen.

Nicht zuletzt geht es eben auch um die Glaubwürdigkeit nicht nur von ICOs, auch nicht mal nur von Blockchain, sondern von der gesamten Fintech-Branche, ja, von der gesamten verdammten Finanzbranche, dem Hankir und seine Leute gerade Schaden zugefügt haben.

You had one job – and this wasn’t it

Grundsätzlich ist es natürlich begrüßenswert, dass sich die Verantwortlichen bei Savedroid über die gesellschaftlichen Implikationen und die Gefahren von ICOs Gedanken machen. Hier klafft ohne Zweifel eine große Lücke in der Regulierung. Aber es ist nicht ihre Rolle, darauf hinzuweisen. Und es ist erst recht nicht ihre Aufgabe, den kompletten Unternehmenswert für diesen Zweck zu verspielen. Dann hätten sie einen Teil ihrer Ressourcen für Kampagnen oder an entsprechende Verbände geben können. Und übrigens wird die Nachricht, dass das Start-up jetzt ICO-Beratung macht, nicht das sein, was von dieser Geschichte bleibt. Was man schon daran sieht, dass es mir erst an dieser Stelle des Textes überhaupt in den Sinn kommt, den „Zweck“ der Aktion überhaupt zu erwähnen.

Die Seite von Savedroid klärt auf: Alles nur ein Gag. Haha.

Der Advocatus diaboli in mir sagt, dass sie hiermit davon ablenken wollen, dass sie ihrer eigentlichen Aufgabe nicht gewachsen sind, nämlich eine App zum Kryptosparen zu bauen. Das neue Geschäftsmodell der Beratung ist aber deutlich unattraktiver als die skalierbare Spar-App. Für mich ist die unternehmerische Entscheidung nicht nachzuvollziehen – außer Savedroid ist tatsächlich mit der Umsetzung der ursprünglichen App kläglich gescheitert und hat auch keine Hoffnung mehr das noch hinzubekommen.

Mit Spannung erwarte ich die Kommentare der sonstigen Stakeholder, die in der Vergangenheit gerne in den Erfolgen von Savedroid gesonnt haben: Finanzplatz Frankfurt Main, Investoren der öffentlichen Hand, das Fintech-Lab der Deutschen Börse und am Ende auch Wirecard, mit denen das Produkt gebaut wurde, das es schon vor dem ICO gab. Zahlen, die wir wahrscheinlich nie erfahren werden: Wie viel Fiat-Geld jetzt von den Sparern von den Wirecard-Konten abgezogen wird. Im Zweifel über den doppelten Weg, nämlich das Zurückholen der Lastschriften und das Übertragen von Gespartem in der Savedroid-App. Ein erheblicher Aufwand für die Wirecard, vom Imageschaden im Sinne des Co-Brandings ganz zu schweigen.

Auch wenn ICOs in einem noch größtenteils umregulierten Raum stattfinden, die Savedroid AG agiert im deutschen Rechtsraum: mit Vorstand, Aufsichtsrat, und Aktionären auf der Hauptversammlung. Hier wird es sicherlich spannend zu beobachten sein, wie sich das juristische Nachspiel gestaltet. Das Vortäuschen einer Straftat für einen – am Ende missglückten – PR-Stunt, das Vernichten des Unternehmenswertes, wird für das gesamte Savedroid-Team sicherlich nicht ohne Folgen bleiben.

Unendlich dämlich. Oder Verzweiflungstat. So oder so: Ein Stück Fintech-Geschichte.

Clas Beese

2 Kommentare

  1. Herr Hankir hätte wissen müssen, dass die Deutschen im Allgemeinen und die im Finanzdienstleistungssektor im Besonderen ziemlich humorlos sind. Klar, die Aktion ging daneben. Am 1. April hätten vielleicht in paar drüber gelacht, aber so hoch hängen muss man das Ganze jetzt auch wieder nicht.
    Sinnvoller wäre eine Diskussion über den Sinn und Unsinn von ICOs…

    Gruß
    Hansjörg Leichsenring

    1. Nichts gegen Humor, aber alles hat seine Grenzen. Es gibt bestimmt einige, die Ihre Coins mit Verlust schnell abgestossen haben und es gibt Leute, die sich wegen verloren geglaubten Investments umbringen. Ob das hier der Fall war, ist mir nicht bekannt, aber dies für eine PR Aktion zu riskieren, ist fahrlässig.

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