Zusammen buddeln: Was für eine internationale Insurtech-Sandbox spricht

Das neu gegründete Global Financial Innovation Network will eine internationale regulatorische Sandkiste bauen. Unter anderem sind die Aufsichtsbehörden Großbritanniens, Kanadas, Abu Dhabis und Hongkongs dabei (finletter berichtete). Auch für die Versicherungsbranche wirft das Vorhaben entscheidende Fragen auf: Wie können wir die mit Elan gestartete Insurtech-Welle weiter internationalisieren, stabilisieren und auch vor zu frühem Scheitern bewahren?

Beim Stichwort „Sandbox“ zieht jeder Außenstehende die Augenbrauen hoch und denkt unwillkürlich an lange Nachmittage auf der Parkbank, während die glücklichen Kleinen direkt davor mehr oder minder gekonnt versuchen, dem Sand wahre Kunstwerke zu entlocken.

Vielleicht passt das Beispiel sogar ganz gut auf die heutige Insurtech-Landschaft, obwohl wir hier doch eigentlich über etwas ganz anderes sprechen: Insurtechs preschen mit kreativen Ansätzen seit etwa fünf Jahren auf den Markt und versetzen die Branche in eine wohltuende Unruhe. Aber nicht immer werden ihnen der rote Teppich ausgebreitet und ihre neuen, kreativen Ansätze mit Begeisterung aufgenommen. Und nicht immer erhalten sie die Chance, ihre Ideen auszubreiten und reifen zu lassen.

Regulatorik in Insurtechs

Schaut man sich die drei klassischen Gruppen von Insurtechs an, erkennt man unterschiedliche Muster und Entwicklungschancen:

Sandkiste
Eine regulatorische Sandkiste ist mehr als frei Schnauze buddeln – wenn sie gut gemacht ist.

Den Enablern – oder auch digitalen Handwerkern, wie ich sie gerne bezeichne – geht es hierbei vergleichsweise gut. Sie haben in der Regel weder eine Maklerlizenz oder Bafin-Zulassung als Versicherer, sondern beschränken sich mit ihren Ansätzen darauf, die Geschäftsprozesse von Versicherern zu digitalisieren. Von Optiopay oder Flexperto über Kantwert, ForceManager,  Target-Risk oder Evertrace: Sie alle kämpfen zwar mit ihren Geschäftsmodellen, suchen in neuen Finanzierungsrunden Geldgeber oder müssen ihre Kunden überzeugen. Aber – und dies ist ein ganz entscheidender Unterschied zu digitalen Brokern und Versicherern – sie haben praktisch keine regulatorischen Anforderungen zu bewältigen und sind deshalb vergleichsweise agil und skalierungsfähig. Und: Die Versicherer brauchen sie, denn sie helfen ihnen, die einzelnen Elemente ihrer Wertschöpfungskette digital umzugestalten und zu verschlanken.

Anders bei den digitalen Brokern: Als Pioniere gestartet – man denke hierzulande an Knipp oder Clark – habe sie viele Barrieren aufgebrochen, Kundenservices verschlankt und vereinfacht. Mit flexiblen Zahlungsmethoden, Smart-ID-Verfahren, täglicher Kündigungsmöglichkeit oder dem digitalen Versicherungsordner. Heute stehen zahlreiche digitale Broker aber vor dem Problem, die immens hohen Kundenakquisitionskosten langfristig aufbringen zu müssen, gleichzeitig den scharfen Gegenwind der starken Vertriebe etablierter Versicherer abzuwehren und schließlich Differenzierungsmerkmale gegenüber etablierten Maklern zu schärfen. Zwar ist die regulatorische Seite eher unkritisch, es fehlen aber ein Umfeld und ein Gremium, die neue Ansätze fördern, begleiten und vor Gefahren warnen. Wo sind Knip, Liimex, Feelix, Massup oder Easyinsurance? Warum sind sie mit Elan gestartet und heute kaum noch wahrnehmbar? Es mag das Gesetzt der Start-up-Szene sein, aber vielleicht würde eine regulatorische Sandkiste weiterhelfen?

Ähnliches bei den digitalen Versicherern: Ottonova, One, Element oder Coya sind mit Elan gestartet und haben akribisch die umfassenden Zulassungsvoraussetzungen der Aufsichtsbehörden erfüllt. Insbesondere die hohen Kapitalanforderungen stellen dabei eine immense Hürde dar.

Wie könnte eine Sandbox helfen?

Bereits auf der letzten Insurtech-Expertenrunde der EIOPA wurde dieses Thema intensiv diskutiert. Tobias Taupitz, Gründer von Laka und Nutznießer der britischen Sandbox konnte nur Positives berichten. Regulatorische Sandkiste nach britischem Modell bedeutet nicht etwa vereinfachtes Zulassungsverfahren, sondern eher ein Coaching junger Start-ups und ihrer Gründer. Welche Ansätze und Produkte sind aussichtsreich, welche Kalkulationsverfahren riskant, wo kann Know-How erworben werden, wo drohen Fallstricke?

Die Bafin hat diesen Ansatz in den letzten Jahren unter der Ägide der erfahrenen Praktiker Felix Hufeld und Frank Grund ebenfalls aufgegriffen, berät junge Insurtechs bei der Vorbereitung des Lizensierungsverfahrens intensiv und erntet dafür zu Recht großes Lob.

Wo könnten noch Potentiale liegen?

Nun, die internationalen Ansätze erscheinen systematisch und ermöglichen einen einheitlichen und leichteren Markteintritt der Insurtechs in den beteiligten Ländern. Sie beziehen sich ferner auch auf Makler und nicht nur auf „Versicherer in Gründung“ und sprechen damit eine größere Masse von Insurtechs an. Auch wenn die Bafin nicht für die Zulassung von Maklern verantwortlich ist, wäre eine Ausdehnung ihrer Begleitung und ihres Coachings auf diese Zielgruppe ein denkbarer Ansatz.

Last not least wird auch die Frage des „Lizenz-Tourismus“ im Zusammenhang mit einer internationalen Sandbox zu sehen sein. Solange in den europäischen Ländern unterschiedliche Zulassungsvoraussetzungen für Versicherer gelten, besteht die Gefahr, dass ein Insurtech-Versicherer den Weg des geringsten Widerstands wählt und seine Lizenz in dem Mitgliedsland mit den für ihn günstigsten Zulassungsvoraussetzungen erwirbt, um anschließend europaweit aktiv zu werden. Auch diese – von der EIOPA übrigens klar gesehene Gefahr – ließe sich möglicherweise durch eine internationale (in diesem Fall europäische) Sandbox eingrenzen.

Gründe genug, über eine gemeinsame Insurtech-Buddelkiste nachzudenken und die laufenden Initiativen mit Interesse zu beobachten!

Moritz Finkelnburg

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