Blockchain-Kolumne 17: ICOs – Fluch oder Segen?

Das Thema Blockchain tauchte 2018 in den Medien vor allem in Verbindung mit Initial Coin Offerings auf. Wurde diese Möglichkeit der Kapitalbeschaffung für Unternehmensideen 2017 noch interessiert, aber distanziert betrachtet, startete nach einer kurzen Hype-Phase schnell der Abgesang mit einem eher negativen und den Menschen Angst machenden Bild. ICOs schienen so etwas wie die Finanzkrise auf Speed zu sein und viele gute und sinnvolle Ideen wurden mit den unseriösen und wenig gehaltvollen Token-Angeboten über einen Kamm geschoren.

Die meisten Investoren mussten – so schrieb kürzlich die „t3n“ – teilweise herbe Verluste hinnehmen. Laut Berechnungen der Wirtschaftsprüfung Ernst & Young machten die Investoren der erfolgreichsten ICOs 2017 allein bis September 2018 einen Verlust von im Schnitt 66 Prozent. Von 141 Initial Coin Offerings seien 86 Prozent unter das Ausgabeniveau gerutscht. Fast ein Drittel der ICO habe „nahezu alles Geld verbrannt“. Schlimmer noch scheint mir die Tatsache zu sein, dass 71 Prozent auch nach Monaten keinen Prototyp präsentiert haben, geschweige denn ein funktionierendes Produkt.

Ein Segen

Diese Daten machen es mir nicht leicht, Blockchain als eine humane und soziale Innovation hochzuhalten, die ein besseres und gerechteres Internet und damit auch eine insgesamt bessere Welt möglich machen könnte. Aktuell sieht es so aus, als könnten sich diese Versprechungen der Blockchain nicht mehr realisieren lassen. Bevor die Menschen durch einfache und nützliche Anwendungen die Potentiale von Blockchain verstehen können, ist die Technologie entweder in Besitz oder unter Kontrolle der etablierten Mächte und Großkonzerne (exemplarisch China und Facebook) oder derart in Verruf geraten, dass kein Mensch mehr vertrauensloser Technologie vertrauen wird. Erschwerend kommt hinzu, dass eine Protokoll-Innovation weder  Liebe (wie bei Apple) noch unbewussten Gewohnheiten (wie beim Smartphone) auslösen wird. Den Verlust der Freiheit und der Selbstbestimmung bemerken die Menschen meistens erst, wenn es zu spät ist.

Blockchain-Missionar

Kolumnist Boris Janek schreibt auf finletter regelmäßig über Blockchain
finletter-Kolumnist Boris Janek

Wenige ICOs waren von Anfang an in betrügerischer Absicht aufgesetzt. Einige folgten dem Ziel, möglichst schnell an das große Geld zu kommen. Viele besitzen einfach keine gute Idee oder ein Team, welches in der Lage sein wird, die Idee zu skalieren. Eine große Zahl von ICOs und anderen Blockchain-Projekten sind jedoch nicht nur aus bestimmten Perspektiven sinnvoll, sie sind beinahe überlebenswichtig in einer sich automatisierenden und entdemokratisierenden Welt. Denn so paradox es klingt: In der Blockchain steckt sowohl das Potential der totalen Kontrolle als auch das Gegenteil der totalen Selbstbestimmung und Befreiung.

Deshalb ist es gut und wichtig, überall und mit allen Menschen über die vielversprechenden und vor allem sozialen Blockchain-Projekte zu sprechen und die Menschen aufzuklären, wie es beispielsweise der Blog positiveblockchain.io macht, der zahlreiche soziale Blockchain-Projekte aufführt. Einige davon möchte ich hier und an anderen Orten im Netz, gerne intensiver vorstellen. Als Blockchain-Missionar!

Geschichten erzählen, wird natürlich nicht ausreichen. Kryptogeld-Automaten – so wie es sich ein Sieger-Team des GENOHackathons ausgedacht hat – oder eine in Deutschland regulierte Kryptobank – so die Pläne von bitcoin.de – könnten dagegen Wirkung zeigen.

Boris Janek

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere