Fintech Übersicht für Deutschland

Wie steht es um Fintech in Deutschland?

Crowdfunding, mobiles Bezahlen, digitale Banken: Auch Deutschland kann Fintech. Aber machen wir uns nichts vor: Wir sind Spätzünder. Fintech bezeichnet die Veränderung von Finanzdienstleistungen mit Hilfe von Technologie (zur Definition von Fintech). Dieses Segment steckt hierzulande noch immer in den Kinderschuhen. Nach unserer Einschätzung hat dies verschiedene Gründe:

  • Zum einen gilt Deutschland als „overbanked“: Wo ausreichend Banken und Finanzdienstleister dem Kunden Produkte anbieten, teilweise mit Jahrzehnten oder Jahrhunderten Traditionen, da haben es junge Unternehmen schwer.
  • Zumal die Deutschen ihr Bargeld lieben und Technologie gegenüber tendenziell skeptisch sind. Das legen immer wieder Studien nahe, siehe zum Beispiel hier oder hier. Im Vergleich zur Girocard spielt Mobile Payment – und selbst das Bezahlen via Kreditkarte – eine untergeordnete Rolle.
  • Die rückständige Finanzregulatorik in Deutschland (und Europa) behindert innovative Produkte. Mehr dazu weiter unten.

Was Fintech angeht, haben wir also Nachholbedarf an einigen Fronten. Innovationen werden derzeit eher nicht bei uns trägen Deutschen ausprobiert, sondern in kleineren Märkten mit möglichst aufgeschossenen Zielgruppen – und dann zu uns exportiert.

Fintech-Übersicht: Wie sieht der Markt aus?

Es gibt viele Branchengrößen: gut finanzierte und branchenintern viel besprochene Unternehmen wie Kreditech, Scalable Capital, Weltsparen oder IDnow. Außerhalb der Fintech-Szene jedoch sind nur wenige Unternehmen derzeit bekannt. Das sind dann vor allem die, die viel Geld in Werbung investieren, wie die Crowdlending-Plattform Auymoney, der Payment-Dienstleister Paydirekt oder die Digitalbank N26.

Wie groß der deutsche Fintech-Markt insgesamt ist, dazu finden sich je nach Quelle ganz unterschiedliche Zahlen und Herangehensweisen. Einige Beispiele:

  • Ein allgemeiner Überblick der aktiven Unternehmen: Das Team um André M. Bajorat aktualisiert regelmäßig eine gute Grafik auf paymentandbanking.com, für die deutsche Fintech-Produkte in unterschiedliche Kategorien wie Banking, Payment oder Factoring aufgeteilt werden.
Fintech-Übersicht, deutsche Unternehmen (Grafik: paymentandbanking.com)
Übersicht deutscher Fintech-Unternehmen, Stand: März 2017 (Grafik: paymentandbanking.com)
  • Investitionsvolumen als Indikator für Wachstum: Wie viel Geld haben Investoren in deutsche Fintech-Unternehmen gesteckt? Die quartalsweise erscheinende Statistik der Unternehmensberatung Barkow Consulting gibt einen guten Einblick in die Entwicklung des Fintech-Marktes, vor allem mit Blick auf innovative, skalierende Geschäftsmodelle von Start-ups. Eine vergleichbare Erhebung liefert die Beratung KPMG quartalsweise mit dem „Pulse of Fintech“.
Investitionen in Fintech in Deutschland (Grafik von Peter Barkow Consulting)
Hilfe bei der Fintech Übersicht: Investitionen in Fintech in Deutschland, Stand 1. Quartal 2017 (Grafik von Peter Barkow Consulting)
  • Wir orientieren uns für diesen Überblick an der im November 2016 veröffentlichten Fintech-Studie des Bundesfinanzministerium. Sie erscheint uns die größte, umfangreichste und zuverlässigste der derzeitigen Erhebungen zu Fintech in Deutschland zu sein. Die Studie geht von rund 350 aktiven Unternehmen auf dem deutschen Fintech-Markt aus, Stand 2016. Für ihre Einschätzung zur Entwicklung des Segments stützen sich die Autoren unter anderem auf Investments, aber auch auf Transaktionsvolumina. Immerhin sehen sie den deutschen Fintech-Markt im Europavergleich direkt hinter Großbritannien – und das wohlgemerkt vor dem nahenden Brexit. Allerdings ist der Marktanteil von Fintech laut der Studie trotz hoher Wachstumsraten noch immer sehr gering.

 

Digitalisierung in Banken

Der Begriff Fintech setzt sich aus den Anfangssilben von Finanzdienstleistungen und Technologie zusammen. Mit Fintech wird die Branche bezeichnet, in der Finanzdienstleistungen mit Technologie verändert werden. Fintechs sind die Unternehmen, die das tun. Fintechs sind häufig Start-ups, aber nicht immer.

In unserer Fintech-Definition steht es ja schon: Nicht nur Start-ups sind Treiber der Innovation in der Finanzbranche. In diesem Sinne seien hier auch die Digitalisierungsbemühungen von Banken erwähnt. Im Grunde war die Welle der Direktbanken, die um das Jahr 2000 herum gegründet wurden, nämlich bereits die erste Welle der Fintechs. Institute aus diesen Reihen haben keine Filiale, sondern sind nur online aktiv.

Manche, wie die comdirect oder DKB, sind agil geblieben, während andere auf dem Stand von damals stehen geblieben sind. Wenn aus dem Bankenwesen Innovationen kommen, dann eher von diesen fortschrittlichen Direktbanken, die bereits mit komplett digitalen Prozessen gestartet sind und für neue digitale Produkte nicht von Null anfangen müssten. Letzteren Banken fällt es nämlich deutlich schwerer, sich auf die Veränderungen durch Technologie einzulassen, vor allem auf Grund ihrer über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte etablierte papierbasierte Prozesse. In diesen Instituten sind allein schon die Kosten zur Aufrechterhaltung des bestehenden Systems (Stichwort „Run the bank“ vs. „Change the bank“) sehr hoch.

Allerdings sind heutzutage die Übergänge zwischen Banken und Fintechs oft auch fließend. Die Fidor etwa bezeichnet sich schon selbst als Fintech-Bude mit Banklizenz. Und dann ist da das Start-up N26, das mit einer Wirecard-Banklizenz angefangen hat und seit 2016 über eine eigene Banklizenz verfügt. Eine Lizenz aus der alten Welt macht natürlich ein Fintech noch nicht zu einem Old-Economy-Riesen. Diese Unternehmen können agil bleiben – und genau das ist, was vielen der Großen fehlt, um an der Digitalisierung teilzuhaben.

Den Banken kommt zugute, dass viele Fintechs ein B2B-Geschäftsmodell haben. Deren Produkte sind von vornherein auf Kooperation statt Wettbewerb ausgelegt. Unser finletter-Kolumnist Tobias Baumgarten glaubt sogar, die Bank gewinne immer. Fintechs haben ihm zufolge für einen Innovationsdruck im Bankenwesen gesorgt und müssen sich vor den jungen Wilden nicht sorgen, denen es noch nicht gelingt, Nutzer nachhaltig und in ausreichender Anzahl zu binden. Er sieht die Gefahr für Deutschlands klassische Finanzwirtschaft eher bei den Tech-Riesen wie Google, Apple, Facebook und Co., die ihnen in Sachen Technologisierung meilenweit voraus sind.

Prognose zu Fintech in Deutschland

Wie geht es weiter mit Fintech in Deutschland? Aus unserer eigenen Erfahrung können wir eines feststellen: Seit es den finletter gibt – also seit dem Winter 2014/2015 – ist das Thema in deutschen Medien immer präsenter geworden. Waren es anfangs vor allem die Fachmedien mit Finanz- und Digitalschwerpunkten, berichten inzwischen auch breiter aufgestellte Wirtschaftsmedien und Tageszeitungen über Fintech. Doch die mediale Präsenz und viele Twitter- und Facebook-Diskussionen rund um Produkte wie N26 oder Themen wie Crowdlending sagen noch nichts über die tatsächliche vEntwicklung aus.

Prognose des Marktvolumens der deutschen Fintech-Segmente Finanzierung und Vermögensmanagement (Studie des Bundesfinanzministeriums)
Aus der Studie des Bundesfinanzministeriums: Prognose des Marktvolumens der deutschen Fintech-Segmente Finanzierung und Vermögensmanagement

Wir beziehen uns auch an dieser Stelle auf die oben bereits erwähnte Fintech-Untersuchung des Finanzministeriums. Die Autoren versuchen nämlich fundierte Prognosen zu treffen, wie sich Fintech in Deutschland entwickeln wird. Selbst im pessimistischsten Szenario gehen sie davon aus, dass sich der Fintech-Markt um ein Vielfaches vergrößern wird. Konkret betrachtet die Studie das Marktvolumen in unterschiedlichen Segmenten wie Vermögensmanagement oder Factoring. Für den Bereich des spenden- und gegenleistungsbasierten Crowdfundings beispielsweise könnte der Markt im besten Fall von 36 Millionen auf 9 Milliarden Marktvolumen wachsen. Derartige Szenarien gibt es in der Studie zuhauf. Sie gibt auf jeden Fall Anlass zur Hoffnung auf eine florierende Fintech-Zukunft auch in Deutschland – auch wenn sie vielleicht später kommt als in anderen Ländern. Jedoch sprechen die Autoren einen wunden Punkt an, von dem die Entwicklung der Fintech-Branche im Wesentlichen abhängen wird: der Regulatorik.

Fintech-Regulatorik in Deutschland

Der deutsche Finanzmarkt ist traditionell sehr stark reguliert. Es gab Zeiten, da war das gut und richtig: Beim Thema Finanzprodukte bestehen nämlich unheimliche große Wissensunterschiede. Die Macher wissen mehr als die Verkäufer und die wiederum wissen mehr als die Käufer von Finanzprodukten. Zum Schutz vor allem letzterer müssen Finanzprodukte in Deutschland einige Hürden nehmen. Diese Kontrollmechanismen sind in der Regel reaktiv entstanden: Es gab ein Problem, die Regulatorik hat mit Maßnahmen darauf reagiert. Für Start-ups, die den Markt disruptieren wollen, ist dieses sperrige Regelwerk heute ein Hindernis. Allen, die bereits über eine Banklizenz verfügen, kommt dies natürlich gelegen. Sie nutzen die Regulatorik als Schutzmechanismus gegen die nachwachsende Konkurrenz. Kein Wunder, dass die Digitalisierung des Finanzmarktes in Deutschland so weit hinter etwa der Medienbranche zurückliegt.

Seit geraumer Zeit wird in Fintech-Kreisen das Prinzip der „Regulatorischen Sandkiste“ diskutiert. Gemeint sind Ausnahmeregelungen für innovative Fintech-Produkte, die nicht marktnah und unter realistischen Umständen getestet werden könnten, wenn sie sich an die normalen Regeln halten müssten. Die deutsche Finanzaufsicht Bafin lehnt eine solche Sandkiste allerdings bislang ab. Viele andere Länder, darunter das Vereinte Königreich oder Singapur, haben solche Ausnahmen bereits.

Sandkiste
Die Bafin lehnt die Regulatorische Sandkiste – zumindest noch – ab.

Fest steht, dass die derzeitige Regulatorik die eigentlich nicht aufzuhaltende Digitalisierung und den Fortschritt hinauszögert – und damit letztlich der Marktwirtschaft schadet. Hinzu kommt das EU-Problem: Alle Mitgliedsstaaten haben eine eigene Finanzmarktregulatorik, so dass Unternehmen bei der Expansion auf jedem neuen Markt ihr Geschäftsmodell anpassen müssen. Das macht es schwierig für Start-ups, deren Geschäftsmodell global gedacht ist und nur skaliert – und damit funktioniert –, wenn das Produkt in möglichst vielen Ländern angeboten werden kann. Regulatorik ist also auch für Europa ein Standortnachteil.

Das sind die deutschen Fintech-Städte

Deutschlands wichtigste Fintech-Player, ob innovative Banken oder junge Unternehmen, haben sich in weniger als einer Handvoll Städte angesiedelt. Eine Untersuchung von Barkow Consulting im Auftrag der comdirect sah 2016 wenig überraschend Berlin ganz vorne – zumindest in Sachen Start-ups. In Berlin sitzen demnach mehr dieser aufstrebenden Youngster als in Frankfurt, Hamburg und München zusammen, heißt es dort. Die anderen wirklich bedeutenden Fintech-Standorte: Frankfurt als einstige Finanzhochburg des Landes, Hamburg als Standort innovativer Traditionsbanken und München als Versicherungs- und potentielle Insurtech-Hauptstadt.

Frankfurt ist zweifelsohne einer der wichtigsten Finanz-Hubs Europas, kommt aber in Sachen Fintech erst langsam hinterher. Es gibt gemessen an den guten Bedingungen nur wenige Start-ups und das Land Hessen wusste lange die Vorteile Frankfurts gegenüber anderen Städten nicht auszuspielen. Hamburg kommt einem hingegen ohnehin nicht direkt in den Sinn, wenn man an Finanzdienstleistungen denkt. Dabei sind hier traditionsreiche Institute mit Innovations-Knowhow wie die Sutorbank angesiedelt. Und nicht zuletzt haben wir von finletter Hamburg mit der ersten deutschen Fintech Week 2016 auf den Radar der Branche gebracht. Im November 2017 wird das Ganze wiederholt – mehr erfahren Sie auf www.fintechweek.de. Und dann wäre da noch München, wo Versicherungen groß sind und mit ihnen auch das Thema Digitalisierung eben dieser Branche eine Rolle spielt. Für Start-ups sind die hohen Lebenshaltungskosten in der bayerischen Hauptstadt ein Hindernis, doch einige gut finanzierte Unternehmen wie Scalable Capital machen hier von sich Reden.

Stärken der Fintech-Standorte Berlin, Frankfurt, Hamburg und München (Grafik: Clas Beese)
Stärken der Fintech-Standorte Berlin, Frankfurt, Hamburg und München (Grafik: Clas Beese)

Detaillierte Einblicke in die Fintech-Welt in diesen vier Städten haben wir hier aufgeschrieben:
Berlin
Frankfurt
Hamburg
München

So behalten Sie die Fintech-Übersicht

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  • Besuchen Sie Events. Der finletter-Veranstaltungskalender hält Sie auf dem Laufenden, welche Konferenzen und Netzwerktreffen rund um Fintech, Insurtech, Blockchain usw. es in Deutschland und Nachbarländern gibt.
  • Kommen Sie zur Fintech Week Hamburg. Im November geht es eine Woche lang um Innovationen in der Fintech-Branche, um wichtige Themen wie die PSD2-Richtlinie, Diversity oder Bargeldlosigkeit. Mehr erfahren Sie auf www.fintechweek.de.