About Fintech #6: ICO oder Der neue Goldrausch

Die aktuelle Kolumne beginnt mit einer kleinen Geschichtsstunde. Ich weiß: Geschichte ist nicht jedermanns Sache, dient in diesem Fall aber dem weiteren Verständnis. Und so geht es los.

In der Geschichte der Menschheit gab es viele Goldräusche. Von der biblischen Goldstadt Ophir über die spanischen Eroberer und ihrer Suche nach dem legendären El Dorado bis hin zu den bekannten Goldräuschen des 19. Jahrhunderts in Kalifornien, Colorado und Alaska. Immer ging es um eines: schnellen Reichtum zu erlangen. Das Gold lag auf dem Boden und man musste sich nur danach bücken.

Der Rausch um das echte Gold hatte immer wieder auch seine Entsprechung an den Kapital- und Immobilienmärkten. Meistens folgte dem zügellosen Rausch dort am Ende ein böses Erwachen. So geschehen beim niederländischen Tulpenfieber um 1630, der ersten dokumentierten Spekulationsblase, bei der Dotcom-Blase um die Jahrtausendwende oder jüngst der Immobilienkrise. Ihnen allen war gemein, dass steigende Kurse/ Preise sukzessive immer mehr Spekulanten angezogen haben.

Der ganze Spuk ging dann immer so lange gut, bis dann auch Menschen vom Hype angesteckt wurden, die weder Ahnung von der Materie noch ausreichend Geld hatten. Dieses „stupid money“ gab der Blase dann in der Regel den letzten Schub, bis dem Markt irgendwann die eigene Übertreibung bewusst wurde. Die Blase platzt und ganze Vermögen werden über Nacht verbrannt.

Tobias Baumgarten
Tobias Baumgarten hat auf finletter die aktuellen Fintech-Trends im Blick. Nebenbei bloggt er auf aboutfintech.de.

ICO ist der neue „heiße Scheiß“

„Ok, danke für diese Geschichtsstunde“, könnte man jetzt sagen. Was hat das alles mit Fintech zu tun? Ganz einfach: Aktuell gibt es wieder einen Goldrausch, der fatal an historische Blasen erinnert. ICO heißt der neue heiße Scheiß. ICO steht für Initial Coin Offering und ist vereinfacht gesagt eine Art Börsengang für Ideen in der Blockchain. (Was genau ein ICO ist, erklärt dieser „t3n“-Artikel einsteigerfreundlich.)

Oftmals geht es dabei um die Geburt einer neuen Kryptowährung, deren erste Einheiten in einer Art öffentlicher Versteigerung ausgegeben werden. Das Offering geschieht dabei via Blockchain, bezahlt wird – je nach Basis-Blockchain – per Bitcoin oder Ether. Als Gegenleistung erhält man Token, die einen ideellen Anteil an der neuen Währung oder an dem neuen Projekt (zum Beispiel an The DAO) darstellen.

Beim ICO kommen jetzt also gleich zwei Dinge zusammen, die die Fantasie der Investoren beflügeln: innovative Ideen auf Basis der Hype-Technologie Blockchain und Kryptowährungen wie Bitcoin und Ethereum . Beides einzeln lässt bei vielen Investoren derzeit schon die Sicherungen durchbrennen. Kombiniert erzeugen sie einen Rausch wie Sex auf Drogen und Viagra.

Es droht ein böses Erwachen – zumindest vorübergehend

Die Kurse von Bitcoin und Ethereum stiegen zuletzt exponentiell (bei immer wieder heftigen Rückschlägen) und ICOs brachen binnen kürzester Zeit irrwitzige Rekorde. So konnte Bancor bei seinem ICO binnen 3 Stunden etwa 153 Millionen US-Dollar erlösen. Eine teure Wette auf die Zukunft! Aktuell stehen die Zeichen mal wieder auf Goldrausch, dieses Mal auf die digitale Art. Immer mehr Menschen investieren in die Kryptowährungen und die blockchainbasierten Technologien.

Sicherlich im Grunde zu Recht, sagt man der Technologie doch eine große Zukunft voraus. Aber die Art und Weise macht mir Sorgen: Angestachelt durch die Medien, investieren immer mehr Leute, die keinerlei Ahnung haben, was sie da eigentlich kaufen. An der traditionellen Börse ist es ein untrüglicher Vorbote des Crashs, wenn Hausfrauen und Rentner in ihre Sparkassenfiliale rennen und dort mit dem letzten Ersparten Aktien kaufen, die ihnen der Bekannte eines Nachbarn empfohlen hat. Die Parallelen zum aktuellen Krypto- und ICO-Hype sind schwer zu übersehen. So scheint es nur eine Frage der Zeit, wann es zum bösen Erwachen kommt.

Goldene Zukunft in geregelten Bahnen

Allerdings dürfte so ein reinigendes Gewitter – so schmerzhaft es kurzfristig für einige werden dürfte – langfristig gut für den Markt sein. Denn anschließend wird sich die Spreu vom Weizen trennen. Den überlebenden Kryptowährungen könnte dann eine goldene Zukunft bevorstehen – auch, weil die Aufsichtsbehörden die Anarchowährungen härter an die Kandare nehmen werden.

Insbesondere werden sie darauf drängen, klare Regeln einzuhalten. Das könnten zum Beispiel Wertpapierprospekte nebst Prospekthaftung sein, wie sie bei klassischen IPOs vorgeschrieben sind. Erst wenn die Anarchie aus dem Markt ist, werden ICOs auch in der Breite ein echtes Thema werden. Sie werden dann einen wertvollen Beitrag für die Gesellschaft leisten können.

Bis dahin wird aber noch einiges passieren. Und auf den aktuellen Rausch wird früher oder später ein heftiger Kater folgen. Aber egal, wie schmerzhaft der wird: Die Technologie selbst ist gekommen, um zu bleiben.

Tobias Baumgarten

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