finletter 214 – Libra, Paypal, Wirecard

Der Libra-Moment

Wenn man von der These ausgeht, dass Aufmerksamkeit im Netz eine der wichtigsten Währungen ist, dann arbeitet Facebook in diesen Tagen noch weitaus effektiver als ohnehin schon. Mit den kürzlich veröffentlichten Informationen zum hauseigenen Bezahlmittel Libra scheint das Unternehmen aus dem Silicon Valley ein Erdbeben ausgelöst zu haben. Nicht ganz einig sind sich die Rezipienten dabei, wie bedeutend die Veränderungen tatsächlich sein werden und was das für die Finanzbranche bedeuten kann. Experten und Medien beurteilen die Lage unterschiedlich, Politik und Bafin vertreten deutliche Standpunkte. Unstrittig ist für uns aber, dass Libra das Thema der Woche bleibt. Wir haben uns heute daher entschlossen, im finletter-Editorial einen für uns ungewöhnlichen Weg zu gehen und ein Stimmungsbild der aktuellen Situation einzufangen.

So macht etwa Bundestagsmitglied Thomas Heilmann im Interview deutlich, dass Facebook der Politik Hausaufgaben aufgegeben hat, vor allem aber sei die Bafin nun in der Pflicht, hier für passende Grundlagen zu sorgen, da diese für den Anlegerschutz zuständig sei. Der Chef der angesprochenen Finanzaufsicht, Felix Hufeld, reagierte sogleich und drückte grundlegende Bedenken gegenüber Libra aus. Demnach würde ein Launch des Facebook-Geldes die rasche Entwicklung einiger Grundstandards nötig machen. „Wir können ganz sicher nicht einfach zugucken.” Man werde in „irgendeiner Form” reagieren.

Die Bedeutung, die der Bafin-Chef in den Ankündigungen des US-Konzerns sieht, könnte unter anderem mit den Spekulationen diverser Autoren zu erklären sein, nach denen sich Facebook mit Libra nicht auf das bloße Payment-Modell ohne zugrunde liegendes Konto beschränkt (siehe finanz-szene.de). Zumindest einige Experten gehen darüber hinaus davon aus, dass Facebook außerdem Einlagen verzinsen wird. Ein direkter Angriff auf das Urgeschäft der etablierten Banken.

Düstere Zeiten also für die Bankenlandschaft, sollte man meinen. Crowdfundinsider.com behauptet das Gegenteil: Demnach belebe die neue Konkurrenz viel mehr das Geschäft, was am Ende allen zu Gute kommen könnte.

Während Libra für Michael Spencer das wichtigste Produkt des kommenden Jahrzehnts werden könnte und andere betonen, dass Facebook auch in Konkurrenz zu „nicht vertrauenswürdigen Zentralbanken“ wie der von Zimbabwe oder Venezuela treten könnte, sehen andere eine Gefahr aufkommen, nicht nur für staatliche Währungen. Bundesbank-Vorstand Wuermeling betont die Möglichkeit einer illegalen Ausnutzung des neuen Systems, etwa für Geldwäsche oder Terrorfinanzierung, eine Begründung, die sich im Grunde auf das Internet in seiner Gesamtheit anwenden ließe. Auch der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber hat im Hinblick auf die Datenhoheit Facebooks Bedenken geäußert und angekündigt, die Situation genau beobachten zu wollen.

Andere wiederum sehen den wirklich großen Libra-Einfluss vor allem in Entwicklungsländern, wo eine völlig andere Finanz-Infrastruktur herrscht als in den Industriestaaten. Immerhin haben in manchen Regionen der Welt mehr Menschen ein Facebook- als ein Bankkonto. Und nicht umsonst sind es gerade solche Länder, wie Kenia, die in Sachen Payment schon früh gezwungen waren, Pionier-Wege zu beschreiten. Von solchen kann sich wohl auch der Weltkonzern Facebook noch einiges abschauen, wie beim Überraschungsbesuch Zuckerbergs im iHub in Nairobi vor drei Jahren.

Das neue Projekt geht aber weit über profane Dinge wie Ländergrenzen hinaus. Nicht umsonst hat die französische Zentralbank noch so viele zu klärende Fragen, dass sie demnächst sogar die G7-Staaten um Meinungsaustausch ersuchen will. Ein wichtiges Anliegen Frankreichs in dem Zusammenhang ist es, die Facebook-Währung kontrollieren zu können. Ein Wunsch, den einige andere teilen. Immer wieder kam seit Bekanntwerden der Libra-Nachricht die Sorge zum Tragen, Facebook könne eine Währung etablieren, die keinen offiziellen Kontrollen mehr unterliegt.

Skeptisch sieht man die neue Währung scheinbar auch bei der CDU. Dort werden aber Rufe nach ganz anderen Lösungen laut, etwa nach einem „Digitalen Euro”, mit dem man Libra trotzen zu können glaubt. Immerhin bastelt man in der Regierung ja bereits seit geraumer Zeit an einer eigenen Blockchain-Strategie, die Forderungen kommen also nicht gänzlich unerwartet.

Praktisch niemanden scheint das Thema Libra derzeit kalt zu lassen. Doch für weitere Bewertungen bedarf es nun wohl eines kühlen Kopfes – sowohl in der Finanz- als auch in der Medienszene und erst Recht in der Politik. Einen möglichen Weg gibt beispielsweise Blockchain-Analyst Guido Zimmermann von der Landesbank Baden-Württemberg vor, indem er für einen realistischen Umgang mit dem Thema wirbt. „Angesichts von weltweit rund zwei Milliarden Facebook-Nutzern und 1,4 Milliarden WhatsApp-Konten habe das Projekt von 28 großen Tech- und Zahlungsdienstleistungsfirmen unter der Federführung des Medienkonzerns zwar ein großes Potenzial“. Für einen erfolgreichen Start müssten aber gleichwohl noch viele absehbare und überraschend auftauchende Probleme gelöst werden. Dennoch, die nächste Libra-News wird wohl nicht lange auf sich warten lassen.


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– Fintech-News Deutschland –

Paypal entlässt Berliner Mitarbeiter: 309 Stellen sind am Berliner Standort betroffen, das seien fast 90% der gesamten Belegschaft. Verdi spricht von einem Schritt, der “mehr als überraschend” komme, insbesondere nach dem hervorragenden Unternehmensergebnis des letzten Jahres. Auf Nachfrage von „finanz-szene“ heißt es seitens Paypal, dass die Umverteilung einiger Stellen, vor allem an externe Dienstleister nun dem Betriebsrat vorgeschlagen worden sei. gruenderszene.de finanz-szene.de

Wirecard startet Payment-App Boon Planet: Nach Unternehmensangaben ist Boon Planet die “erste komplette Payment-App Europas, ein einzigartiges Öko-Systen aus mobilen Payment- und Banking Services”. Die Versprechungen sind also gewaltig, zunächst aber wird die App von einigen Hundert Test-Usern genutzt, der offizielle Start ist für Oktober avisiert. it-finanzmagazin.de

treefin erhält Bafin-Lizenz: Das Multibanking-Tool verfügt jetzt über eine Lizenz der Finanzsaufsicht. Derzeit können sich Nutzer der App mit rund 3.000 Banken verbinden. cash-online.de

Übergangsfrist für die Authentifizierung : Ab September gelten die neuen Regularien für die starke Kundenauthetifizierung (SCA). Doch nun hat die Europäische Bankenaufsicht den betroffenen Zahlungsdienstleistern einen Pufferzeitraum eingeräumt. Es ist ein Kompromiss, die weitergehenden Forderungen einiger Unternehmen werden so nicht erfüllt. handelsblatt.com

Apple Pay startet im Herbst bei Sparkassen, auch VoBa bestätigen: Trotz des großen Medienechos hält sich Apple immer noch bedeckt über den Start der Kooperation. „Heise“ hat nun greifbarere Informationen erhalten. Los gehen soll es wohl Mitte November. Auch die Volksbanken haben nun offiziell eine Zusammenarbeit ab 2019 bestätigt.  heise.de mobiflip.de

Lemonade kommt nach Deutschland: Dass das Fintech-Unicorn nach Europa expandieren will, wurde schon vor einigen Wochen bekannt. Nun ist klar, dass Lemonade seine Fühler nach Deutschland ausstreckt.  Zusammen mit AXA Deuthschland startet Lemonade ein digitales Versicherungsangebot. geld-digital.de

Billomat übernimmt Taxbutler: Das Nürnberger Buchhaltungs-Start-Up will die Steuersoftware kündtlich unter dem Namen STEUER2GO neu aufsetzen. deutsche-startups.de

Exporo sammelt 43 Millionen: Das Hamburger Proptech ermöglicht es Kunden per App, sich mit Beträgen ab 500 Euro an Bauvorhaben zu beteiligen. Das Unternehmen hat nun in der französischen Venture-Capital-Gesellschaft Partech seinen Haupanteilseigner. welt.de

IBM unterstützt Fintechs mit Cloud-Lösungen: Das US-Unternehmen kooperiert künftig mit Tech Quartier, einem Digital Hub, dass gezielt Start-ups und Mittelstand mit Beratungsleistungen und Kontakten unterstützt. IBM wird künftig die Partner des Hubs zum Thema Cloud und KI beraten. it-finanzmagazin.de


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Open Banking wird Banken-Geschäftsmodelle grundlegend verändern – weltweit. Die Länderanalyse zeigt, dass die (R)Evolution, trotz unterschiedlicher Herangehensweise, überall in vollem Gange ist. nextdigitalbanking.com


– Fintech-News International –

Transferwise mit demokratischer Debitcard: Der internationale Geldtransferdienst hat zusammen mit Mastercard eine neue Debitcard für den US-Markt aufgelegt. Mit der Karte können Nutzer in über 40 Währungen ohne ein Saldolimit verfügen.  So soll sie künftig nach Angaben des Unternehmens für mehr Fairness sorgen, weil Touristen in Bezug auf Gebühren wie Einheimische behandelt werden. techcrunch.com

Paypalchef verlässt das Unternehmen: Bill Ready hat angekündigt, Ende des Jahres als COO von Paypal zurückzutreten, um andere unternehmerische Interessen außerhalb des Payment-riesen zu verfolgen.techcrunch.com

Facebooknutzer sollen den Wert ihrer Daten kennen: US-amerikanische Politiker fordern, dass Facebook den monetarisierbaren Wert seiner User offenlegt – und zwar individuell und cent-genau.Alle drei Monate sollen die Nutzer demnach eine aktualisierte Übersicht erhalten. Dahinter steckt die Idee, dass die meisten Nutzer bereits vor vielen Jahren den “Pakt” der Social-Media-Dienstleistung gegen Daten eingegangen wären, die Daten seither aber deutlich wertvoller geworden seien. welt.de

Zego sammelt Geld für Expansion: Etwa 33 Millionen Britische Pfund schwer ist das aktuelle Investment. Das Londoner Start-up ermöglicht etwa Kurieren von Deliveroo oder Uber-Fahrern, ihre Fahrzeuge minutengenau zu versichern, eben nur für den benötigten Zeitraum. Die aktuelle Investition kommt unter anderem aus Berlin von Target Global. telegraph.co.uk

Indische Neobank sammelt 30 Millionen: Tiger Global führte die Finanzierungsrunde, in der die Neobank Open Raises das Geld einsammeln konnte. crowdfundinsider.com

 

– Treffpunkte –

Tech Open Air – The Future Proof Festival: Neben Vorträgen und Diskussionen mit über 150 Experten bietet das TOA Workshops auf einer 4000 qm großen Ausstellungsfläche. Das viertägige Event soll Interessierte aus den Bereichen Technik, Wissenschaft und Kunst zusammenbringen. 2.-5. Juli, Berlin

Netzwerktreffen der Finanz-Community NRW: Ab 19 Uhr beginnt die Premiere einer neuer Reihe zwangloser Treffen zum Austauschen und Netzwerken. Bei jedem Event sollen Vorträge und Pitches neue Impulse setzen. Eine Anmeldung an die verlinkte Mail ist zwingend erforderlich. 4. Juli, Düsseldorf

Disruption is everywhere – Diversity in Digital Times: Alles ist miteinander verwoben. Das ist eine der Botschaften dieses Berliner Sommerfestes. Die Veranstalter laden daher ganz allgemein ein zum Austausch über den Begriff „digital“ im Kontext der großen Transformationen. Beschlossen wird die Veranstaltung mit einem Grillabend. 8. August, Berlin

DM Exco 19: Die DM Exco hat es sich zum Ziel gesetzt, über Probleme und Lösungen im Bereich des digitalen Marketing und Business zu sprechen. Über 1.000 Aussteller bietet die DM Exco in Köln. Hinzu kommen 550 Referenten. 11, & 12. September, Köln

Comdirect Finanzbarcamp & Verleihung Finanzblog Award: Bei dem Event gibt es keine klassische Unterscheidung zwischen Referenten und Publikum. Die Themen werden von allen Beteiligten gemeinsam festgelegt und jeder kann sich bei Interesse in Vorträgen oder aktiv in Diskussionen selbst beteiligen. Das Event findet während der vom finletter mitveranstalteten Fintech Week statt. 9. November, Hamburg.

Mehr Veranstaltungen zu Fintech finden Sie im Event-Kalender auf finletter.de.

 

– Wochenendlektüre –

Die schnellen Pferde der Banken: Immer wieder wird die Frage aufgeworfen, wie innovativ Banken wirklich arbeiten. Der Bank-Blog sprach daher mit Remigiusz Smolinski über Innovationen in der Branche. der-bank-blog.de

Die Zukunft der Robo-Advisor: Wie sich Robo-Advisor künftig entwickeln, hängt von ihrer Rentabilität ab. In Zukunft könnten Banken aus den Erfahrungen vergangener Jahre ihre Schlüsse ziehen und die Strategie ändern, hin zu einem Hybrid-System, in dem die Robos aber auch eine interessante Rolle spielen können. cash.ch

Die Rolle von GAFA im Finanzmarkt: Sind Google, Facebook und Co. nun Belebung oder Existenzbedrohung für die etablierten Player am Finanzmarkt? Diese Frage wird kontrovers diskutiert. Gabi Rabl hat die Situation aus ihrer Sicht analysiert.  finance-it-blog.de

 

– Meist gelesen in der letzten Woche –

… waren die vier Thesen von Friedrich – W. Kersting über Neo-Banken in unserer Transformations-Kolumne. finletter.de

 

– Das Beste zum Schluss –

Eine Bank gründen ist ein teures Hobby, außerdem frisst es viel Zeit und ist besonders kompliziert, weil man in einen Markt vordringt, der völlig durchreguliert ist und seit Jahrhunderten kaum verändert wurde. Alles Ausreden, sagt Sarah Kocianski. In letzter Zeit hat sich einiges getan. Wie man nun vorgehen muss, um eine Bank zu gründen, hat sie auf bankingtech.com niedergeschrieben. bankingtech.com

Martin Pieck